Keine politische Stellungnahme, aber ein Hilferuf
Von Georges Scherrer / Kipa
Zürich, 9.5.09 (Kipa) Als nachahmenswertes Beispiel für Sri Lanka bezeichnet Motham Paul Peter Manoharan die Schweiz. Der Priester betreut seit 2004 die Tamilen hierzulande. Er kümmert sich um die rund tausend katholischen Familien. Das sind gegen 5.000 Personen. Er ruft die Schweiz auf, sich für den Frieden in Sri Lanka einzusetzen.
Er muss mobil sein, damit er seine Schäfchen überall betreuen kann. An einem Sonntagmorgen in Luzern den Gottesdienst zu feiern, um danach nach Bern zu reisen und dort einer Feier vorzustehen, das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit.
In seiner Heimat befindet sich die srilankische Armee im Norden der Insel im Schlusskampf gegen die Reste der “Liberation Tigers of Tamil Eelam” (LTTE). Diese fordern einen unabhängigen Tamilenstaat auf der Insel, auf der die Singhalesen mit 74 Prozent den grössten Bevölkerungsanteil stellen. In dem sehr kleinen Gebiet, das von den Tigers noch kontrolliert wird, sind zurzeit nach Uno-Schätzungen rund 50.000 Menschen eingekesselt. Die Zivilisten sind dem Beschuss beider Seiten ausgeliefert. Inzwischen hätten über 190.000 Menschen das Konfliktgebiet verlassen.
“Mehr tun für Sri Lanka”
Die Kämpfe in der Heimat ängstigen und verwirren die Tamilen, die in der Schweiz leben, sagt der Pfarrer der Tamilen-Mission im Gespräch mit der Presseagentur Kipa. Viele haben Verwandte und Bekannte unter den Flüchtlingen und Opfern. Mit verschiedenen Aktionen sind sie bereits an die Öffentlichkeit getreten, um die Schweiz auf das Los der Tamilen aufmerksam zu machen. Auf dem Bundesplatz in Bern wollen sie demnächst mit einer nationalen Veranstaltung auf ihre Anliegen aufmerksam machen.
Auch Pfarrer Manoharan ist überzeugt: “Die Schweizer Regierung könnte mehr tun, zum Beispiel Druck ausüben auf die Regierung in Sri Lanka.” Der Priester, der von Zürich aus sein Amt ausübt, versteht seinen Aufruf nicht als politische Stellungnahme, sondern als Hilferuf für eine von Kriegsgräueln versehrte Bevölkerung.
Vorbild Schweiz
Gewisse Medien haben in den vergangenen Tagen verbreitet, die Tamilen würden regelmässig ihr Leid mit Alkohol ertränken, und es bestehe unter ihnen ein Alkoholproblem. Das stellt Pfarrer Manoharan in Abrede. Es könne durchaus vorkommen, dass Einzelne in einem Anfall von Verzweiflung zu tief in Glas guckten. Es handle sich aber um Einzelfälle.
Der Priester, dessen Pfarrei sich von St. Gallen bis Genf erstreckt, erinnert sich noch gut an seine Ankunft in der Schweiz im Juni 2004. Ihm fiel auf, dass in der Schweiz alle Menschen gleich behandelt werden. “Wenn dies in Sri Lanka auch so wäre, hätten wir keine Probleme”, meint der Priester, der immer ruhig spricht und meist ein Lächeln im Gesicht hat. Dass seine Mitmenschen in Sri Lanka es sehr schwer haben, zeigt der Priester mit seiner Gestik nicht.
Die Gunst der Mutter Gottes erbitten
Bekannt ist, dass die Tamilen regelmässig nach Einsiedeln pilgern – “aber auch ins Kloster Mariastein im Solothurner Jura”, präzisiert Motham Paul Peter Manoharan. In Einsiedeln steht die schwarze Madonna – “nein”, sagt der Pater, “es ist nicht die Farbe der Madonna, welche die Tamilen anzieht. Sie verehren vielmehr die Mutter Gottes und auch die Hindus unter uns verehren sie und kommen nach Einsiedeln. Ich weiss nicht, warum Hindus derart von der Mutter Gottes angezogen werden? Sie erhoffen sich vermutlich von ihr eine Gunst.”
Die Tamilen gehören verschiedenen Religionen an. Unter ihnen gibt es Hindus, Christen und Muslime. Sie lebten auch in ihrer Heimat friedlich zusammen, versichert der Priester. Die nächste Wallfahrt nach Einsiedeln steht am 21. Juni an.
“Nicht immer ganz einfach”
Die Tamilen arbeiten in der Schweiz hart, sagt der Pfarrer. Sie müssten einerseits “für ihre Familie hier und oft auch für Verwandte dort” aufkommen. Aufgrund ihrer Arbeitsverhältnisse und Arbeitsrhythmen sei es für sie nicht immer ganz einfach, “pünktlich zum Gottesdienst zu erscheinen”, so der Pfarrer diplomatisch. Sie müssten manchmal ihre Pausen so einteilen – viele arbeiten in Gastwirtschaft und Tourismusbetrieben –, dass sie den Gottesdienst oder wenigstens einen Teil von diesem besuchen können.
Die Tamilen beschäftige es sehr stark, was in ihrer Heimat geschehe. Viele Tamilen der ersten Generation träumen davon, einmal zurückkehren zu können. Doch der Pfarrer zweifelt daran, dass die Kinder ihren Eltern folgen werden – “und darum werden diese wohl auch da bleiben”.
Sprachbarrieren
In der Schweiz leben schätzungsweise 35.000 Tamilen, zehn Prozent sind eingebürgert. Viele würden untereinander heiraten. Aber Pfarrer Manoharan kennt auch gemischte Paare. Das die Tamilen zum Teil unter sich bleiben, habe auch mit der Sprache zu tun. Diese Barriere würde aber mit dem Schulunterricht abgebaut.
Engpässe im Budget unter den Tamilen will der Pfarrer nicht verallgemeinern. Es gebe schon Fälle, die unten durch müssten. Es sei zum Teil schwierig, einen Job zu finden, aber auch in dem Fall wirke sich der Mangel an Sprachkenntnissen negativ aus. Die Männer hätten gegenüber den Frauen einen Vorteil, weil viele von ihnen bereits seit über 15 Jahren hier lebten und die Sprache gelernt hätten.
An einen Tisch
Im September kehrt Pfarrer Motham Paul Peter Manoharan in seine Heimat zurück und wird eine Pfarrei in der befriedeten Zone Sri Lankas übernehmen. Sein Nachfolger für die Betreuung der Tamilen-Gemeinschaft in der Schweiz wird bereits ausgebildet. Der Priester hofft, dass in seiner Heimat einst Frieden einkehren wird.
Dazu sei es aber nötig, dass die verschiedenen militanten Gruppen, die in Sri Lanka für die verschiedenen “Identitäten” stehen, sich an einen Tisch setzen. Dazu hätten auch die Bischöfe aufgerufen. Der Bevölkerung müssten ihre Rechte wieder zurückgegeben werden. “Wir beten für den Frieden in diesem wunderschönen Land.”
Separat:
Petition an den Bundesrat
In einer Petition an die Schweizer Regierung rufen die Tamilen in der Schweiz zu einem Ende des “Genozids” in Sri Lanka auf. Sie fordern den Bundesrat auf, sich für einen Waffenstillstand einzusetzen. Den Nichtregierungsorganisationen müsse der Zutritt zu allen Gebieten wieder gewährt werden. Sri Lankas Regierung sei für die Verletzung der Menschenrechte zur Verantwortung zu ziehen.
Seit 25 Jahren befinden sich die Tamilen in Sri Lanka in Kampf gegen die Regierung, heisst es im Text des Tamilen Forums Schweiz. Seit drei Jahren habe dieser Krieg eine neue Wende genommen. Die Regierungsarmee töte tamilische Zivilisten. Mit Ausnahme des Roten Kreuzes habe die Regierung alle Nichtregierungsorganisationen der tamilischen Gebiete verwiesen. Journalisten dürften die Kriegszone nicht betreten. Die Regierungsarmee würde jeden Tag mehr als fünfzig Personen töten, darunter Kinder, Frauen und alte Menschen. Spitäler, Schulen und Altersheime würden bombardiert und angegriffen. In den vergangenen drei Monaten seien über 2.400 Zivilisten getötet worden.
200.000 Personen seien in der Gegend von Vanni eingekesselt. Es fehle an Medikamenten und Nahrungsmitteln. Viele Menschen seien wegen der Unterversorgung gestorben. Was in Sri Lanka geschehe, könne mit den Ereignissen in Gaza verglichen werden, so der Petitionstext.
Weitere Infos unter: www.tamilpress.com