2. Bericht
Und was bedeutet „Abschiebung“ eigentlich wirklich?
Wir blättern die Seite im Buch „Leben“ einfach um, vergessen, das was die Zeilen schrieben, auf der Seite davor. Auch wenn wir den Blick darauf verlieren, so bleibt doch vom Schicksal gebeuteltes Leben zurück. Mein Aufenthalt in Sri Lanka, das Zusammentreffen mit Familie Thadchanamoorthy, öffnet mir intensiv die Augen für die zweite Seite der Geschichte, die, die ungeachtet zu einem vergangenen Kapitel wird, wenn das grausame Urteil gefällt ist und der Abflugtermin ins Ungewisse, ins Vergessen, feststeht – Ohne Geld, ohne Papiere, ohne Kleidung, ohne Medikamente, ohne Verwandte, ohne Beziehungen, ohne inneren Bezug – wie soll Leben auf diese Weise funktionieren?
Die Schwestern und ich versuchen seit vergangenem Freitag, 27. Oktober 2006, der Familie beizustehen, heute ist Montag. In dieser kurzen Zeit haben wir deutlich erfahren, wie kompliziert und Nerven zerreißend es selbst für uns ist, die wir teilweise in diesem Land groß geworden sind, dessen System vertraut erscheint, unter Beachtung aller individuellen Faktoren, die im Familiesystem mit schwingen, auch nur zwei Teile des gesamten Puzzles zusammenzufügen, z.B. die Beschaffung gültiger Personalien. Für die Beantragung eines Personalausweises sind Geburtsurkunden nötig, die die Familie in der Eile der Abführung nicht mit sich führen durfte.
In Zeiten des Krieges ist eine gültige ID in Sri Lanka für tamilische Familien das Ticket zum Überleben. Werden einmal Vermutungen in Richtung LTTE gemacht, ist es geradezu unmöglich, die Behörden, die sich besessen wie bissige Hunde festbeißen, von der eigenen Unschuld zu überzeugen. Die Beantragung einer ID nimmt über ein Jahr Zeit in Anspruch. Um sich also vorläufig ausweisen zu können, benötigt die Familie ein polizeiliches Bestätigungsschreiben. Um dieses zu erhalten, haben die Schwestern ihre Beziehungen über viele Ecken spielen lassen müssen. Beziehungen, die eine Familie normalerweise nicht hat, wenn sie ins Ungewisse abschoben, ohne überhaupt ein Fünkchen Zeit zur Vorbereitung. Doch Beziehungen, so wird mir immer klarer, sind der Weg, um überhaupt ein neues Leben beginnen zu können, egal in welchem Land. Oder hat etwa jeder gleich eine Ordensschwester an der Hand, die wiederum mit einer anderen Ordensschwester befreundet ist, deren Schwester ihrem Cousin von dem Fall erzählt, worauf dieser dann jemanden zur Hilfe holt, dessen Bruder „Member of Parliament“ ist und für die Ausstellung der Papiere sorgen kann? Und wenn so ein Glücksfall doch ganz zufällig besteht, wie wird die Familie dann das nötige Geld zahlen können, das normalerweise für solche kleinen Gefälligkeiten verlangt wird, wenn keine Ordensschwestern durch ihre schützende Obhut dafür sorgen, dass man von solchen Geldgeschenken absieht? Zufall, Glücksfall, Nimmerfall!
Das Schicksal der Familie Thadchanamoorthy ist zwar individuell, steht es jedoch symbolisch für all die tausend verlorenen Seelen, die durch solche Abschiebungen zu Grunde gegangen sind, weil sie sich im fremden Gesellschaftssystem verloren haben oder letztlich doch den gewaltbereiten Regimen zum Opfer gefallen sind. Die, vor denen sie einst geflohen sind, und in deren Hände sie nun durch rücksichtslose Politiker zurückgespielt wurden. Dies zeigt wiederum, dass eine Abschiebung zwangsläufig in meist ausweglose Gefahren führt, denn Länder, in die abgeschoben wird, tragen ja nicht Namen wie die „Cook Inseln“, sondern werden nicht umsonst von den Einheimischen verlassen, da ihnen auf Grund von Krieg, Verfolgung und Tod ein Leben unmöglich wird. Genau in diese Schleusen der Gewalt kehrt Familie Thadchanamoorthy zurück, wenn sie einen falschen Schritt tut. Doch wie sollen sie wissen, wie man sich in einem System zu verhalten hat, dem sie lange den Rücken gekehrt haben, das ein Fremdes geworden ist bzw. für die Kinder nie vertraut war?
Die am härtesten geschlagenen Oper sind in diesem Fall gerade die Kinder, Apinaeja (1), Apirami (4) und Apisan (6). Sie sind srilankisch – sieht man sich ihre Gesichtszüge an, ihre Hautfarbe, die biologischen Faktoren. Doch was ist mit der Kultur, die sie als die ihrige betrachteten und die ihr gesamtes Verhalten geprägt hat, die Kultur, die ihnen vertraut ist, die ihnen ihre Werte verinnerlicht hat, die ihnen das gibt, worauf sie bauen, das, was sie mögen, dem sie vertrauen? Nimmt man all das in den Blick, so sieht man europäische Kinder.
Ich frage mich in diesen Tagen oft, wie diese Kinder hier dem „inneren Tod“ entrinnen sollen, der Zerstörung ihrer Seelen? Immer wieder bekunden die beiden Älteren, die offensichtlich mitbekommen, welches Schicksal ihnen blüht, dass Sri Lanka schlecht für sie ist, ein Land das sie nicht kennen, vor dem sie sich fürchten, auf Grund der vielen Bomben und Toten, in dem es keine Freunde gibt, indem das Essen nicht schmeckt, die Wohnungen dreckig sind und besonders die Straßen, ein Land, das ihnen einfach nur Angst macht. Jetzt könnte man sagen: „ Ach, in ein paar Wochen fühlen sich die Kinder hier wie zu Hause!“ – Nein, genau das glaube ich nicht – „zu Hause fühlen“, eben auf das Fühlen kommt es an. Sie sind in Deutschland geboren, die Umgebung, die sie mit ihren ersten Schritten erkundeten, ist so anders als diese, in die sie hier hineinmanövriert wurden und unglücklich sind. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das srilankische Schulleben für sie erscheinen mag. Die plötzliche 180-Grad-Änderung der Rahmenbedingungen, des Lehrstils, der Ansprüche, die an Verhalten und Disziplin gestellt werden – ich selbst kann es beurteilen, da ich einen Einblick in das srilankische Schulsystem erfahren habe. Sie sind zu jung und zu zerbrechlich, um diese gewaltigen Veränderungen für sich nutzen zu können. Sie werden das Gefühl haben, dass alles wie eine wuchtige Welle gegen sie schlägt.
Diese Kinder werden sich an Sri Lanka gewöhnen müssen, aber in ihrem Inneren ist durch diese brutale, plötzliche Abschiebung ein spürbarer Bruch entstanden, der vielleicht nicht mehr zu kitten ist – das Gefühl vom Unglücklich sein verseucht sie von innen mehr und mehr – schleichend, wie eine unheilbare Krankheit – ich spüre es bei jedem Treffen mit ihnen neu. Ich denke, die Kinder werden innerlich daran zerbrechen und wir können nichts tun, da diese Abschiebung nicht rückgängig zu machen ist. Ich würde mich freuen, wenn sich Menschen finden würden, die eine Rückführung der Familie möglich machen würden, auch wenn es in den Augen unserer Gesetze auch illegal wäre, in den Augen des Gewissens, und das sollte über den Gesetzen stehen, war für mich die Abschiebung illegal. Ich hoffe, dass noch überprüft wird, ob dabei Menschenrechtsverletzungen vorlagen.
Für die verantwortlichen Politiker sind Gründe wie Menschlichkeit natürlich keine Ausschlag gebenden Faktoren, die sie dazu bewegen würden Gnade walten zu lassen. Da steht das Gesetz im Vordergrund und wenn offiziell keine Rechtsvorschriften verletzt werden, ist sogar die unmenschlichste Handlung legitim. Doch für mich bleibt die Frage: Ist wirklich alles korrekt gelaufen – wurden keine Vorschriften verletzt? Dazu noch meine Frage an den beteiligten Sozialarbeiter vom Jugendamt: Gibt es nicht so etwas wie berufliches korrektes Handeln – wie sozialarbeiterische Ehre???? Können die Verursacher dieser Abschiebung noch ruhig schlafen? Ich weiß, ich könnte es nicht!
Beleuchtet man den nächsten Schritt auf dem mühseligen Weg der Wiedereingliederung der Familie Thadchanamoorthy, kommt das Thema Wohnungssuche auf den Plan. Allein dieser Faktor raubt uns im Moment alle Kraft. Ein Gebiet muss gefunden werden mit tamilischen Bürgern, in dem es dementsprechend eine tamilisch geführte Schule für die Kinder gibt, es muss zukunftsweisend gedacht werden. Eine Wohnung muss gefunden werden, die aber auch nicht in marodem Zustand ist und gleichzeitig nicht all zu teuer. So kommt ein Faktor zum nächsten. Wenn professionelle Helfer hier schon mit Überforderung zu kämpfen haben, wie soll eine dem Land fremd gewordene Familie in diesem verworrenen System auf eigene Faust ein neues zu Hause finden? Das wäre der normale Abschiebefall und schon nach drei Tagen Hilfestellung muss ich klar sagen, dass eine Familie, dazu geschwächt von inneren Ängsten und ihrer Trauer, in Eigenorganisation niemals zu all dem fähig wäre. Das ist die traurige Wahrheit und es ist die Konsequenz unserer Abschiebemachenschaften. Für die Verantwortlichen spielte Menschlichkeit keine Rolle – abgeschoben = vergessen = ein lästiges Problem weniger. Für Familie Thadchanamoorthy fängt das Grauen mit diesem Vergessen an. Deswegen ist es wichtig, dass ihr Menschen in Warendorf, in der Umgebung und hoffentlich bald in ganz Deutschland von diesem Schicksal getroffen seid: Ihr dürft diese fünf Menschenleben innerlich nicht abschieben. Helft handeln, gerade auch im Namen aller Familien, die in Deutschland auf der Abschiebebank sitzen und denen genau das gleiche schreckliche Schicksal widerfahren soll! Wir dürfen deutschen Politikern nie wieder die Möglichkeit überlassen, Menschenrechte auf so brutale Weise zu zerstören.
Unsere Abschiebepraktiken müssen gestoppt werden!
Nina Wiengarten