3. Bericht
Und wenn die Hoffnung droht zu sterben…………..
„Und morgen, da fahren wir zum Flughafen und dann setzen wir uns in ein Flugzeug, das uns wieder nach Warendorf bringt“, Apisan blickt mich hoffnungsvoll an – es tut einfach unvorstellbar weh ihn so zu sehen. Ich schaue in seine dunklen, tiefen Augen, mir bleiben die Worte im Hals stecken.. „Nein, wir fliegen morgen nicht nach Warendorf. Es tut mir leid, aber es geht nicht“, sagt sein Papa.

Der Sechsjährige senkt den Kopf und schweigt, er tut das was er nun schon seit Tagen tut – denn Freunde zum Reden und zum Spielen, sie sind alle dort, wo er jetzt gerne wäre. Er weiß, dass sie auf ihn warten, dass sie ihn wieder sehen wollen – dann tropfen kleine heiße Tränen auf meine Hose, ich sitze neben dem Jungen und nehme ihn sachte in den Arm – mein Gott, fühle ich mich hilflos, wie gelähmt. „Das Schlimmste ist, dass meine Kinder nicht wissen, warum das alles passiert. Sie sind zu klein, um zu verstehen, dass Menschen entschieden haben, dass wir weg müssen. Sie fragen ununterbrochen nach ihrem Zuhause in Warendorf“, sagt die erschöpfte Mutter, die auf die Frage nach dem „Warum?“ keine Antwort hat. Es zerreiße ihr das Herz ihre Kinder so leiden zu sehen, sagt sie zu mir und schließt wie so oft die Augen, hält sich den Kopf, damit der pochende Schmerz für ein paar Sekunden nachlässt.
Oft kommen die Erinnerungen an die Handschellen zurück, in denen sie die junge Mutter in Deutschland wie eine Verbrecherin abgeführt hatten. Die harten Griffe der Polizisten, die sich in das Fleisch von Menaka bohrten, haben in ihr Schreckliches aufkeimen lassen. Die seelischen Wunden des Vergangenen rissen auf. „Damals kamen sie auch einfach in unser Haus“, zittert ihre Stimme, dann beginnt sie zu erzählen. Schläge auf den nackten Körper mit Knüppeln, Schnitte fügte man ihr mit Rasierklingen zu, tief und blutig, man schor ihr das Haar, schlug sie mit harten Stöcken auf den Kopf, man folterte und quälte sie in Sri Lanka.
Zehn Tage ohne ausreichend Nahrung, ohne Tageslicht schloss man sie in eine Zelle ein, behandelte sie wie ein Tier, weil sie gezwungen wurde für die LTTE Kleider zu nähen, der Umstand des Zwangs zählte da nicht, um Gnade walten zu lassen. Diese Erlebnisse in Sri Lanka haben aus der einst stolzen Frau einen gebrochenen, kranken Menschen gemacht, der mit seiner Familie Zuflucht gesucht hat.
Zuflucht, die nach 14 Jahren Sicherheit und Glück am 25. Oktober plötzlich in einen schutzlosen Sturz mündete, von rücksichtslosen Menschen die Klippen hinabgestoßen. „Meine Frau schläft Nachts eine Stunde. Wir schlafen auf dem Boden, unsere Kinder brauchen das Bett. Mittlerweile haben wir Schmerzen im ganzen Körper, von dem harten Boden“, sagt Kiddinan Thadchanamoorthy leise. Die Familie sieht jetzt, vier Tage nach unserem letzten Treffen, noch ausgemergelter aus als zuvor. Tiefe Furchen unter den Augen, die in allen Gesichtern so leer sind, völlig leer vor Kummer und Angst, ohne Hoffnung auf eine Wendung des schrecklichen Schicksals. Der Familienvater isst oft stundenlang nichts, seine Kinder und seine Frau sollen sich zuerst stärken, er verzichtet, denn die Mahlzeiten im Gasthaus, das mehr einer Absteige ähnelt, sind teuer.
Leben in Sri Lanka ist für normale Familien teuer. Die Schwestern und ich haben Angst, dass es zu teuer ist, um auf eigenen Beinen ein Leben hier bestreiten zu können. „Diese Familie ist europäisch. Die Erwachsenen haben lange den Kontakt zu ihrer Kultur verloren. Sie wurden nun einfach wieder zurückgeworfen, ohne zu wissen, wie man sich hier als normale Familie durchschlägt, ohne besondere Qualifikationen, die den Eltern gute Berufschancen eröffnen“, sagt mir Schwester Mary Judith vom Good Shepherd Konvent, ihre Besorgnis im Gesicht stehend. Ein ungelernter Arbeiter, wie Kiddinan Thadchanamoorthy, verdient in Sri Lanka durchschnittlich 5000 Rupies im Monat, das sind noch nicht einmal 50 Euro. Für solche Berufsgruppen stehen in Deutschland ganz andere Türen offen – für seinen Putzjob bekam der Warendorfer dort umgerechnet über 40.000 Rupies im Monat. „Für deutsche Verhältnisse mag dies eine geringfügige Beschäftigung sein, hier in Sri Lanka wäre das die Lösung aller Probleme für den größten prozentualen Bevölkerungsanteil“, sagen mir die Schwestern.
Dabei hat Kiddinan Thadchanamoorthy früher noch mehr als Reinigungskraft verdient, wenn ich es richtig verstanden habe, wurde ihm die Arbeitserlaubnis entzogen. Ich finde es wichtig, in Warendorf zu überprüfen, ob durch den Entzug der Arbeitserlaubnis Asylbewerberfamilien im Kreis Warendorf öfter ihre Arbeitsstellen verlieren. Hier frage ich mich: Ich dies richtig? Die Chancen auf eine berufliche Zukunft des Familienvaters in Sri Lanka, die ausreichend einbringt, um eine fünfköpfige Familie in durchzubringen, stehen sehr schlecht. Ohne Fremdunterstützung ist Überleben in einer würdigen Umgebung folglich nicht möglich, ich habe es heute wieder mit Erschrecken feststellen müssen und es macht mir verdammt große Angst, oft so viel, dass selbst ich nachts nicht schlafen kann. In Deutschland bewegte sich die Familie in der unteren Mittelschicht, an dieser Stelle fallen die Warendorfer nun haltlos ins Leere.
Die Kluft zwischen Arm und Reich tut sich in Sri Lanka viel extremer auf als in Deutschland – entweder reich oder arm, dies scheint mir hier oft das Bild. In diesen Kategorien droht eine Familie, die in Deutschland, wie sie sagt, ein gutes Leben hatte, plötzlich direkt an oder im schlimmsten Falle sogar unter die Armutsgrenze zu fallen. Auf Grund der so viel schlechteren Lebensmöglichkeiten, steht den Warendorfern eine graue Zukunft bevor. Auf eigenen Füßen zu stehen, wie sie es in Deutschland konnten, ist hier vielleicht niemals möglich. „Wir müssen von vorne anfangen. Wir wissen gar nicht, wie wir das schaffen sollen. Eine Arbeit zu finden, eine Schule für unsere Kinder und natürlich einen Platz zum Leben“, sagt Menaka mit verzagter Stimme, die plötzlich ganz erstickt. Die Hoffnung der Familie auf ein Leben, wie sie eines hatten und das sie liebten, schwindet von Tag zu Tag.
Die Schwestern und ich telefonieren fast täglich mit Bekannten und Freunden, versuchen ein Netz für eine Wohnungssuche aufzubauen. „Da ist vielleicht eine Wohnung“, erreicht mich oft die hoffnungsvolle Nachricht. Oft stirbt sie noch am selben Tag: zu teuer, marode und alt, im Hochwassergebiet gelegen – doch die Zeit drängt.
Die Familie lebt in unzureichenden Verhältnissen. Fünf Menschen zusammengepfercht in einem Zimmer, stickige Luft, und keine ausreichenden sanitären Verhältnisse – doch wo sollen wir so schnell einen Platz zum Leben herzaubern? Besondere Angst haben sie um ihre Kinder, erzählen sie mir. Die spezielle Sprachentwicklungsstörung ihres Sohnes Apisan wird in Sri Lankas keine Behandlung finden. Das bekundeten die Ordensschwestern mit Bedauern. Solch spezialisierte Schulbildung gibt es nicht. Apisan fällt durchs Raster. Besonders seine Mutter hat große Angst, dass ihm in dieser Gesellschaft die Chancen, die er in Deutschland hatte, versagt bleiben.
Dazu fällt den Kindern das Sprechen der tamilischen Sprache sehr schwer, vom Schreiben ganz zu schweigen. Den Kindern steht hier eine Zukunft als Analphabeten bevor. Selbst mit Nachhilfestunden werden sie nie den Grad der Sprachgewandtheit erreichen, der ihr Leben in sichere Bahnen mit guten Zukunftsperspektiven lenkt. Sie werden immer eine minderwertige Gesellschaftsposition haben, so schlecht, dass sie in Sri Lanka keine Chance auf ein menschenwürdiges Dasein haben. Das ist die Befürchtung der Eltern, der Schwestern und von mir. Denn die KINDER denken, fühlen, handeln europäisch. Damit kann man sich hier nicht behaupten. Dazu kommt die Traumatisierung. Ich muss sagen, ich hoffe, dass alle, die zurzeit mit mir an der Kath. Fachhochschule studieren, ein anderes Selbstverständnis von beruflichem Handeln haben, als die beteiligten Sozialarbeiter in Warendorf. Ich möchte meinen Studienkollegen zurufen: Solche Handlungsweise müssen wir verhindern. Die Kinder waren in Obhut des Jugendamtes. Fürsorgepflicht.? Es ist strafbar Körper zu töten. Ist es nicht strafbar Kinderseelen zu töten? Doch Menschenwürde ist unantastbar, so steht es jedenfalls im Grundgesetz. Das einzig würdige wäre also eine Rückführung der Familie. Wenn Deutschland wirklich Träger für Menschenwürde ist, dann sorgen die Menschen, die der Familie dieses Verbrechen angetan haben dafür, dass wir Menaka, Kiddinan, Apisan, Apirami und Apinaeja in ein Flugzeug setzten können – zurück in ihre Heimat, nach Deutschland!
Während ich diese Zeilen geschrieben habe, festigt sich in mir die Meinung:
Diese Abschiebung ist eine Menschenrechtsverletzung – ich bitte in Deutschland zu überprüfen, ob hier ein Rechtsverstoß vorliegt. Ich meine: Unser Grundgesetz ist nicht beachtet worden. Einige Menschen mit Verantwortungsbewusstsein haben inzwischen angefangen eine Internetseite aufzubauen. Sie lautet www.abgeschoben-waf.de .
Ich rufe den Menschen im Kreis Warendorf zu: Helft mir und den Schwestern diese Familie zu retten. Ein Einzelfall – aber vielleicht ein Beispiel dafür, wo und wie tiefes unrecht geschieht.
Nina Wiengarten