4. Bericht

Betroffenheit schlägt um, in blanke Wut.

Betroffenheit schlägt um, in blanke Wut. Wut über dieses Ausmaß an menschlichem Schaden, Schaden an Leib und Seele, jeden Tag mehr und mehr. Ein Leben als tickende Zeitbombe.

Seit dem 26. Oktober versuchen wir Familie Thadchanamoorthy zu helfen – unsere Kraftreserven neigen sich dem Ende zu. Nach einer Woche Suche auf dem Wohnungsmarkt ist eines klar: Die Familie wird ein Leben in geordneten Verhältnissen in Sri Lanka finanziell niemals aus eigener Kraft bestreiten können. Die Preise für eine akzeptable Wohnsituation sind horrende – ein normaler Arbeiterlohn von 3000, wenn es hoch kommt 5000 Rupies im Monat kann eine Miete von 8000 Rupies wohl kaum decken, Geld zum Leben muss ja auch noch bleiben. Was also tun?

Sollten sich viele Menschen aus dem Bereich Warendorf und Umgebung finanziell für die Familie einsetzen wird eine Stabilisierung der Familie eventuell möglich sein. Aber auch nur für eine gewisse Zeit – begrenzt. Zum Glück kann ich im Moment auf das Geld meiner Eltern und auf Unterstützung durch die Schwestern zurückgreifen.

Und was passiert danach, ein Umzug in eine stickige Bretterbude, in der sich Krankheiten ausbreiten wie ein Lauffeuer und unmenschliche Lebensbedingungen die Würde in die Knie zwingen? Ich frage alle Verantwortlichen, stelle voran die Frage an Landrat Dr. Gericke:
„Soll das ihre Lösung sein, war das ihre Vorstellung von Reintegration als sie diesen Verstoß gegen die Menschenechte begangen haben?“ Ich bitte die Verantwortlichen sich nicht hinter Anweisungen von oben oder ähnlich zu verstecken. Sie hätten auch anders handeln können. Sogar der Bischof von Münster hat meiner Mutter im persönlichen Gespräch gesagt, dass Warendorf für seine schlimmen Abschiebepraktiken bekannt ist. Seelisch völlig am Ende und körperlich grenzenlos erschöpft sind diese fünf Menschen.

Von Tag zu Tag verschlechtert sich der Zustand aller Familienmitglieder. Mentale Schmerzen gehen ruckartig in physische Gebrechen über. Apisan ist nur noch ein Häufchen Elend! Sein Zustand ist sehr, sehr kritisch – er leidet ungeheuerliche innere Qualen. Alles was er in Worte fassen kann dreht sich um seine Heimat in Warendorf, seine Sehnsüchte ballen sich von Tag zu Tag mehr, seine Gesichtszüge werden von Tag zu Tag bedrückter, er hat unerträgliche Bauchschmerzen – er wird still, immer stiller, verschanzt sich in seiner kleinen Welt, die wie ein Trümmerhaufen vor ihm liegt, zu schwach um sie wieder aufzurichten. Dieser Junge wird gerade von seinem Lebensschicksal zu Grunde gerichtet und wir müssen zusehen. Wir müssen einfach zusehen, denn uns sind die Hände gebunden. Wir können zwar versuchen der Familie Starthilfen zu geben, doch vor dem inneren und zukünftig auch vor dem gesellschaftlichen Verfall können wir sie nicht bewahren.

Von Beginn an waren die Schwestern und ich uns einig und die bedrückende Gewissheit zwingt uns immer mehr in die Knie: Die einzige Rettung vor dem seelischen Tod von fünf Menschenleben ist die Rückführung in ihre gewohnte Umgebung in Warendorf, die ihnen Schutz und Halt gegeben hat sowie ein soziales Netz, das sie kraftvoll einrahmte. Menaka Thadchanamoorthy ist im Moment so geschwächt, dass sie eine eigene Haushaltsorganisation mit drei verstörten Kindern nicht bewältigen könnte.

Doch einzige Lösung für den Moment, angesichts der prekären Lage: Das Welcome House der Good Shepherd Sisters, ein Frauenkrisenzentrum, in dem Frauen therapeutische Hilfe bekommen und in Notlagen für ein paar Wochen dort Unterschlupf finden können, um sich seelisch zu erholen.

Am vergangenen Abend brachten wir die Familie zur Einrichtung. Nach einem Trost spendenden Gespräch dann er Gang zur Tür, Abschied, erneute Trennung. Da es eine Einrichtung für Frauen und Kinder ist, konnte Kiddinan Thadchanamoorthy nicht bleiben.

Täglich muss er nun mit dem Bus nach Borella fahren, um seine Familie zu sehen. Dabei ist er akut gefährdet, denn er hat noch keine gültige ID. Der Landrat Dr. Gericke schrieb meiner Mutter einen Brief. So erzählte sie mir am Telefon und las Passagen vor. Die Familie hatte keine Passersatzpapiere, wie man sie hier benötigt. Es war ein Einreisevisum, mit dem hier kein Pass beantragt werden kann. Lange habe ich mich über diesen Punkt informiert. Die Schwestern haben es mir auch so bestätigt. Mit diesem Papier können wir keinen Pass beantragen. Die Familie ist hier Freiwild. Ich erklärte dies schon mehrmals in anderen Berichten. Der Abschied heute Abend zerriss auch uns das Herz. Stille breitete sich schleichend und kalt auf der Rückfahrt aus. Doch was sollten wir tun, wir müssen wenigstens versuchen das Leben der Kinder zu retten.

Doch ich will ehrlich sein, ich bin nicht mehr sicher, ob uns die Kinder, besonders Apisam, nicht unter den Händen wegsterben. Auch die Trennung ist ein Einbruch, die Kinder haben Angst und Frau Thadchanamoorthy weiß, dass ihr Mann sich ohne Papiere lebensgefährdet auf den Straßen von Colombo bewegt. Doch was sollten wir tun, wir müssen versuchen das körperliche Leben der Kinder zu retten, ich denke, die kleinen Seelen sind schon gestorben. Das Schlimmste ist, dass die Schwestern mir durchaus berichten, dass genau dies, der Tod in solch Situation grausame Realität ist. Die Unterbringung im Welcome House erschien uns als letzte Möglichkeit, trotz der Trennung, die erneut zusätzliche Angst aufkommen ließ. Doch was sollten wir sonst tun, bis wir eine Bleibe für sie gefunden haben werden (falls es überhaupt geht), wie sollten wir ihren gesundheitlichen Zustand sonst stabilisieren?

In der Absteige, wo sie vorher waren, grassieren die Grippe und Windpocken, die jüngste Tochter hat noch nicht einmal alle wichtigen Impfungen erhalten. Wird sie ernsthaft krank, die Folgen sind nicht auszudenken. Unzumutbare sanitäre Verhältnisse machen krank, keine regelmäßigen Mahlzeiten – gerade für die Kinder war die Unterbringung in geordneten Verhältnissen bitter nötig, auch wenn es die nächtliche Trennung der Familie bedeutet. Wir hoffen, dass Menaka und die Kinder Stärkung finden können, bis wir ihnen ein Leben in eigenen vier Wänden ermöglichen können, falls die Kinder nicht vorher sterben. Doch wann werden wir eine Wohnung finden., wie wird es sein? Es kann noch Wochen dauern bis ein geeigneter Platz gefunden ist. Fragezeichen stehen wie drohende Warnsignale im Raum, zu viele ungeklärte Fragen, die die Sicht auf die Zukunft grau und trist malen. Wir haben unsere gesamte Umgebung mobil gemacht, wir tun alles Menschenmögliche, doch reicht es nicht. Es wird nie reichen können, egal was wir tun.

Diese Hilfe kann das einzig Menschliche nicht ersetzen: Den Rückflug in ein Leben mit Perspektive und Würde! Ich habe wirklich in den letzten Tagen viel versucht. Bitte mobilisieren Sie alle im Kreis Warendorf Menschen aus Politik, aus Sport, aus Kunst und Musik – sprechen sie mit Bundestagsabgeordneten und Menschen, die genug Geld haben. Bitte helfen Sie mir zu helfen. Ich brauche Ihre Hilfe über die Grenzen von Politik, Religion oder sonst was hinaus. Helfen Sie mir diese geschundenen Menschen zu retten. Bitte!

Treffen Sie sich mit meinen Eltern, treffen Sie sich mit Amnesty – Herr Schoppmann und Herr Wiese sind sehr engagierte Menschen. Schreiben sie Briefe – rufen Sie Politiker an. Mir dreht sich der Magen um, während ich hier am alten klapprigen PC sitze. Ich habe immer den kleinen Apisan vor meinen Augen. Mir wird übel. Bitte finden Sie eine Lösung für die Rückkehr. Es ist ein Einzelfall – aber ich stecke mitten drin, nicht Dr. Gericke, nicht Herr Holtstiege vom Ordnungsamt, nicht Herr Thomas vom Ausländeramt und nicht Herr Kramer als beteiligter Sozialarbeiter. Nicht die Bundesbehörden sind hier, hinter derer anonymen Fassade sich die Verantwortlichen Abschieber aus Warendorf verstecken. Ich bin hier.

Dieses Mal funktioniert es nicht: Aus den Augen aus dem Sinn. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen auf diese Art und Weise schon in den sicheren Tod getrieben wurden. „Wir handeln nach Gesetz“ so die Floskel. – Ich stecke hier mitten drin. Bitte helfen Sie mir diese Leben zu retten. Ich und die Schwestern wir brauchen ihr Engagement, ihren Einsatz in unserem christlichen Münsterland. Bitte schreiben Sie Leserbriefe, organisieren Demonstrationen, schließen Sie sich mit anderen zusammen und…..lassen Sie Ihr Herz und Ihre Phantasie sprechen, um dieses Grauen zu beenden.

Das Grauen ist für mich nicht mehr auf dem Bild des Fernsehschirms. Das Grauen ist kein Tsunami der Menschen überrollt oder keine Hungerkatastrophe durch Wassermangel und schlechte Ernten im fernen Afrika. Das Grauen ist real verursacht worden, durch Menschen aus meiner Heimat. Ich schäme mich so sehr…..ich schäme mich unendlich.

Nina Wiengarten