Abschiebeärzte 1

kontra Psychiatrieexperten

10. März 2008

Immer wenn jemand an der Tür klingelt, durchzuckt Liza Mrijaj die Angst. Mehrfach schon hat die Mutter dreier Kinder erlebt, wie Mitarbeiter der Ausländerbehörde in die Wohnung eindrangen, um die Familie in den Kosovo abzuschieben. Heute kommt zum Glück nur der Hausarzt. Doch die vielen Abschiebeversuche haben an Körper und Nerven gezehrt.
Bereits vor acht Jahren hat die 37jährige einen Selbstmordversuch unternommen. Bald könnte es nach Meinung von Experten wieder so sein. Gegen den Rat vieler medizinischer Gutachten will der Kreis Warendorf die Mrijajs abschieben.
O-Ton Dr. med. Paul Lütke-Entrup:
“Der jetzige Abschiebeversuch, wenn er denn durchgeführt wird, wird sicherlich zu einer ganz erheblichen Gefährdung der Gesundheit führen. Das geht bis zu einem möglicherweise eintretenden Suizidversuch. Und diese Verantwortung kann niemand übernehmen, sollte auch der Kreis nicht übernehmen. Ich halte das für verantwortungslos.”
Seit fünf Jahren wohnt die Familie in Beckum, voll integriert. Vater Lorenc konnte seine Familie ernähren. Die Ausländerbehörde aber schob ihn 2006 in den Kosovo ab.
Auch Mutter Mrijaj sollte damals gehen, und zwar ohne ihre Kinder. Nur weil die UN-Verwaltung im Kosovo nicht mitmachte, wurde ihre Abschiebung gestoppt. Ein traumatisches Erlebnis, das nachwirkt.
O-Ton Liza Mrijaj:
“Mit Schwitzen, Alpträume und so, aber nie ganz richtig schlafen, die ganze Nacht und so. Angst, ich habe große, große Angst und so.”
Angst auch, weil der Landkreis Warendorf nicht einmal davor zurück schreckte, die Mutter der minderjährigen Kinder vor einem halben Jahr aus der geschlossenen Station einer Psychiatrie herauszuholen. Sie saß schon im Flugzeug nach Pristina, nur eine gerichtliche Eilentscheidung verhinderte die Abschiebung. Diese wäre gesetzeswidrig gewesen, da die Frau in stationärer Behandlung war. Und akut suizidgefährdet. Allein deswegen hätte die Abschiebung nie stattfinden dürfen, so Anweisungen des NRW-Innenministeriums zur sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung:
“Eine PTBS vermag erst dann zu einem inlandsbezogenen Vollstreckungshindernis in Form der Reiseunfähigkeit (zu) führen, wenn ein Ausländer suizidgefährdet ist und im Rahmen der Abschiebung die ernsthafte Gefahr einer Selbsttötung droht.”
Genau das ist hier der Fall. Das belegt auch das letzte Gutachten des bundesweit anerkannten Facharztes Dr. Gierlichs. Er stellte noch am Montag fest. Zitat:
“Sie würde, wenn sie sich nicht bei einer Abschiebung zu suizidieren versuchen würde, was ich für wahrscheinlich halte, nach einer Rückführung rasch innerlich aufgeben.”
Doch der Anwalt der Familie muss feststellen:
O-Ton Werner Weigelt, Anwalt der Familie Mrijaj:
“Dieses Gutachten wird von den Behörden und leider auch bis jetzt von den Gerichten nicht akzeptiert. Die Gerichte, hier insbesondere das Verwaltungsgericht Arnsberg, hat dieses Gutachten von Herrn Dr. Gierlichs als Zufälligkeitsgutachten bezeichnet, wohingegen die Stellungnahmen der Ärzte, die im Auftrag der Ausländerbehörden arbeiten, und offensichtlich diese Arbeit nicht schlecht bezahlt bekommen, diese Gutachten werden als objektiv angesehen, obwohl der Arzt, der hinter diesen Gutachten steht, kein Fachmann ist.”
Aber die Ausländerbehörde in Warendorf bleibt dabei, sie lässt sich durch die Gutachten mehrerer Fachleute nicht beeindrucken.
O-Ton Ralf Holtstiege, Ausländeramt Kreis Warendorf:
“Sie müssen wissen, wir haben regelmäßig Gutachten bei Abschiebungen vorliegen, von allen möglichen Ärzten. Wir schalten insoweit immer Ärzte ein, die das noch einmal überprüfen. Und darauf müssen wir uns dann verlassen.”
Warum die Behörde nicht Psychiatrieexperten vertraut, sondern nur dem von ihr beauftragten Arzt, bleibt ein Rätsel.
Für die Mrijajs ist die Situation kaum mehr zu ertragen. Inzwischen ist auch Tochter Laura psychisch erkrankt. Mutter und Kinder fühlen sich als Opfer eines Kesseltreibens der Behörden, mit dem Ziel sie abzuschieben.
O-Ton Liza Mrijaj:
“Warum so machen? Die Familie, meine Familie kaputt, für heute, kaputt.”
Die Abschiebung wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen und dieser Abschied von den Freunden könnte schon ein endgültiger sein, wenn nicht noch ein Wunder passiert. Wäre Frau Mrijaj gesund, hätte der Staat recht. Wenn er aber weiter mit solcher Härte vorgeht und die Mutter in diesem Zustand ausweist, gefährdet er ein Menschenleben anstatt es zu schützen.

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