Abschiebung im Morgengrauen

Hamburg, drei Uhr nachts. Mitarbeiter der Ausländerbehörde auf dem Weg zu Flüchtlingen, deren Zeit in Deutschland abgelaufen ist. Heute trifft es Familie Kryezi. Ein Kamerateam des NDR dokumentiert die nächtliche Abschiebung. Das, was sich normalerweise hinter den Fenstern anonym abspielt, wird öffentlich. Die Kosovoflüchtlinge haben sich nichts zu Schulden kommen lassen, dennoch ist ihre Gnadenfrist jetzt vorbei. Der Familie bleiben dreißig Minuten, um ihre Sachen zu packen, zwanzig Kilo pro Person. Was nicht hineinpasst, bleibt zurück. Vor der Kamera Szenen, wie sich jede Woche nicht nur in Hamburg abspielen.

Szenen aus dem Film “Abschiebung im Morgengrauen”: Ein Mädchen weint: “Ich habe dir gestern einen Kuchen gebacken. Jetzt gebe ich ihn dir so. Was sollen wir noch damit!” Eine Tante versucht das Mädchen zu trösten: “Vielleicht kommst du zurück. Glaub mir, du kommst zurück, du hast deine Schule hier.”

Bilder, die man nur selten sieht. Berichte über Flüchtlinge und Abschiebungen sind für viele Redaktionen unattraktiv. Michael Richter, Autor “Abschiebung im Morgengrauen”: “Ja, Flüchtlinge geht nicht. Schlechtes Thema, keine Quoten, keine Auflage. Das wollen wir nicht wissen.”

Die Zentrale Ausländerbehörde Hamburg. Verantwortlich für die nächtlichen Abschiebungen. Hier entscheidet sich, wer bleiben darf und wer gehen muss. Michael Richter ist einer der ganz wenigen Journalisten, die sich für das Innenleben der Behörde interessieren. Sein Film zeigt ganz alltägliche Szenen aus der Abteilung “Abschnitt für Rückführungsangelegenheiten”.

Heute möchte Gania Ferizaj aus dem ehemaligen Jugoslawien seine Duldung verlängern. Eigentlich eine Routineangelegenheit. Doch der Termin beginnt mit einer Durchsuchung wie bei einem Straftäter. Szenen aus dem Film “Abschiebung im Morgengrauen”: Der Mitarbeiter der Behörde sagt: “Handy machen Sie mal bitte aus und geben mir das.” Dann die Überraschung: “Sie werden heute abgeschoben. Sie wissen, dass Sie Deutschland verlassen müssen. Und heute ist der Tag. Was ist mit Klamotten? Wo kriegen wir noch Sachen für Sie her?”

Die Mitarbeiter stört es offenbar nicht, dass eine Kamera anwesend ist. “Wir buchen, Sie fluchen – mit freundlicher Unterstützung des Reisebüros Never-Come-Back-Airlines” – den zynischen Spruch auf dem Bildschirm kann jeder lesen. Michael Richter: “Ich weiß nicht, ob die Behördenmitarbeiter mitbekommen haben, dass wir diesen Bildschirm abgefilmt haben oder nicht. Aber wir waren eine Stunde lang oder sogar zwei in dieser Position, wo wir den Bildschirm vor Augen hatten.” Alltag eben. Ganz normal, jeden Tag.

Szenen aus dem Film “Abschiebung im Morgengrauen”: Ein Behördenmitarbeiter sagt: “Er wird abgeschoben.” Eine Frau fragt: “Warum?” Er antwortet: “Weil er abgeschoben wird.” Journalisten scheinen sich dafür nur selten zu interessieren. Anne Harms Flüchtlingsberaterin: “Wir bemühen uns seit Jahren darum, die Systematik und diese schlimmen Verhältnisse in der Behörde deutlich zu machen und Journalisten auch klar zu machen, dass das ein interessantes Thema ist und das man darüber berichten sollte.” Zu aufwendig, zu kompliziert, bekam die Flüchtlingsberaterin von den Journalisten zu hören.

Dabei ist die Realität oft entlarvend. Heute kämpft Elvira Sisic darum, beim Sterben ihres todkranken Vaters dabei zu sein. Ein Dialog zwischen Anne Harms und einem Behördenmitarbeiter aus dem Film “Abschiebung im Morgengrauen”: Anne Harms: “Sie wissen, dass der Vater hier in der stationären Behandlung ist und wahrscheinlich auch nicht mehr rauskommen wird?” Behördenmitarbeiter: “Ja.” Anne Harms: “Wenn wir es jetzt mal praktisch angehen, ist der Zeitraum, der dem Vater vermutlich im Moment noch bleibt, nicht so lang, dass man nicht auch bis dahin aus humanitären Gründen dulden könnte.” Behördenmitarbeiter: “Wen sollte man jetzt dulden?” Anne Harms: “Die Tochter.” Behördenmitarbeiter: “Warum?” Anne Harms: “Weil ihr Vater hier im Krankenhaus liegt und vermutlich stirbt und das nicht alleine möchte.” Behördenmitarbeiter: “Warum reist er nicht mit aus? Gibt es keine Behandlungsmöglichkeiten im Heimatland oder warum?” Anne Harms: “Nein.”

Das Ende eines Dialogs. Der totkranke Vater muss alleine zurückbleiben. Elvira Sisic: “Warum kann ich nicht bei meinem Vater bleiben?” Anne Harms: “Das verstehe ich offen gestanden auch nicht.” Es kann Monate dauern, bis Elvira Sisic nach ihrer Abschiebung mit einem Touristenvisum wieder einreisen kann. Den Sachbearbeiter interessiert das nicht. Er sagt: “Meine Sachbearbeitung ist Ausreise. Einreise – anderes Thema.” Michael Richter: “Ich habe mich eigentlich gefreut über den Satz, weil er genau das auf den Punkt gebracht hat, was ich die ganze Zeit lang in dieser Atmosphäre in dieser Behörde, in dieser Ausländerbehörde gespürt habe.”

Es gäbe vieles zu spüren in dieser Behörde. Doch kaum ein Journalist interessiert sich für die Schicksale hinter den Aktenbergen. Dabei wäre es so wichtig. Die Medien könnten öffentlich machen, was sich jeden Tag, jede Nacht mitten in Deutschland abspielt. Abseits des politischen Mainstreams. Anne Harms: “Was ich mir jetzt von den Medien wünschen würde, ist wirklich ein Aufwachen. Zu sehen, dass das wirklich ein Thema ist, über das berichtet werden muss. Nicht nur die systematische Unmenschlichkeit, sondern insbesondere auch die rechtswidrige Unmenschlichkeit, die dort Alltag ist. Und dass die Innenbehörde auch ein wenig unter Druck gerät, sich dazu mal zu erklären.”

Grimme-Preis für Michael Richters NDR Produktion “Abschiebung im Morgengrauen”

Für die NDR Produktion erhält Autor und Regisseur Michael Richter einen Grimme-Preis im Wettbewerbskontingent “Information & Kultur”. Das gab das Adolf-Grimme-Institut am 15. März 2006 in Düsseldorf bekannt. Richters Dokumentation zeigt sechs Mitarbeiter des Hamburger Ausländeramts und einige Polizisten bei ihrer Arbeit an der Schnittstelle zwischen Behördenalltag und persönlichem Schicksal. “Der Film besticht durch Sensibilität, Mut und Authentizität”, so NDR Intendant Prof. Jobst Plog. “Michael Richter ist ein investigatives Stück von hoher Qualität gelungen. Herzlichen Glückwunsch!”

Redakteur der Eigenproduktion des NDR ist Werner Grave, Abteilung Dokumentation und Reportage. Die Verleihung des 42. Adolf-Grimme- Preises fand am 31. März in Marl statt. Im September vergangenen Jahres war Michael Richter für “Abschiebung im Morgengrauen” bereits mit dem ARD-Medienpreis Civis ausgezeichnet worden.