Sri Lankas Angst vor neuer Terrorwelle
Von Stefan Mentschel 17. Januar 2009, 03:02 Uhr
Armee hat die Tamilen-Rebellen fast besiegt – Zivilisten zwischen den Fronten – Gefahr von Selbstmordanschlägen
Neu-Delhi/Colombo – Scheinbar unaufhaltsam hat sich Sri Lankas Armee in den vergangenen Wochen immer tiefer in den Norden des Inselstaates vorgekämpft. In eine Region, die noch bis vor Kurzem von den separatistischen Befreiungstigern von Tamil Eelam (LTTE) kontrolliert wurde. Seit Anfang Januar jagt eine Erfolgsmeldung des Verteidigungsministeriums die nächste. Zwischen die Fronten geraten sind dabei mehrere Zehntausende Zivilisten, wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in Genf am Donnerstag erklärte. Die Bewohner seien durch die Kämpfe bedroht, aber auch die humanitäre Lage sei prekär: Viele seien von dringend benötigter Hilfe abgeschnitten, zudem drohten die hygienischen Verhältnisse zu kippen.
Zuerst fiel Anfang des Jahres die Rebellenhochburg Kilinochchi, die der LTTE mehr als zehn Jahre lang als Hauptquartier des von ihr proklamierten Tamilenstaates Eelam gedient hatte – mit Verwaltungsgebäuden, Polizeihauptquartier, Gericht und Steuerbehörde. Wenig später eroberten die Streitkräfte den nördlich von Kilinochchi gelegenen Elefantenpass, die einzige Landverbindung zwischen dem Festland und der Halbinsel Jaffna. Präsident Mahinda Rajapakse verkündete in Fernsehansprachen persönlich die Erfolge seiner Soldaten.
Erstmals in dem seit 1972 andauernden Bürgerkrieg kontrolliert die Regierung damit vollständig die Fernstraße A 9, die den Süden Sri Lankas mit der Metropole Jaffna im Nordosten verbindet. Jaffna, die eigentliche Hauptstadt und kulturelles Zentrum der tamilischen Minderheit, wurde bereits Mitte der 90er-Jahre eingenommen. Allerdings war die Versorgung der mehr als 800 000 Einwohner – und des Militärs auf der Halbinsel – bislang nur über den gefährlichen Seeweg oder aus der Luft möglich. Nach den Erfolgen ließ sich Armeesprecher Udaya Nanyakarra erstmals auf eine Prognose ein: Ziel sei es, die LTTE “im Laufe des Jahres 2009″ militärisch zu zerschlagen.
Noch sind die Rebellen aber nicht bezwungen. “Zwar gerät die LTTE militärisch immer stärker in Bedrängnis”, sagt Jehan Perera, Direktor des regierungsunabhängigen Nationalen Friedensrates von Sri Lanka. Im Nordosten des Landes, in der Region Mullaitivu, seien die Rebellen jedoch weiterhin schlagkräftig. Dort hätten sie schwere Waffen wie Panzer und Artillerie sowie Tausende hoch motivierte Kämpfer zusammengezogen, erklärt Perera. Zudem sei das mehrere Hundert Quadratkilometer große Gebiet die letzte Bastion der LTTE, daher werde die Armee dort auf besonders heftigen Widerstand stoßen.
Nach Ansicht des Friedensforschers könnte aber selbst ein Sieg der Regierungstruppen auf dem Schlachtfeld die LTTE nicht vollständig ausschalten. Unmittelbar nach der Einnahme Kilinochchis sprengte sich in der Hauptstadt Colombo eine Selbstmordattentäterin in die Luft. Mindestens zwei Zivilisten starben. Zwar bekannte sich die LTTE nicht zu der Tat, Selbstmordanschläge gehören jedoch zu ihren Waffen, mit denen sie vor allem im Süden des Landes immer wieder blutige Anschläge gegen Regierung, Streitkräfte und Zivilisten verübt. Allein im vergangenen Jahr kamen Dutzende Menschen ums Leben, viele davon im Großraum Colombo. Perera befürchtet, dass die LTTE landesweit noch stärker als bislang auf Terroranschläge ausweichen könnte, je mehr sie militärisch in die Defensive gerät.
Völlig ausgeblendet bleibt in der gegenwärtigen Situation die Ursache des Konflikts. Seit Jahrzehnten kämpft die tamilische Minderheit für politische Selbstbestimmung – nach der Unabhängigkeit von Großbritannien 1948 zunächst mit friedlichen Mitteln für mehr Autonomie innerhalb Sri Lankas, seit 1983 unter Führung der LTTE mit Waffengewalt für einen eigenen Staat. Diesem tief verwurzelten Nationalismus – auch bei Tamilen, die der LTTE kritisch gegenüberstehen – könne nicht mit Gewalt begegnet werden, erklärt Perera.
Hinzu komme nach dem jahrzehntelangen Bürgerkrieg mit mehr als 80 000 Toten ein tiefes Misstrauen zwischen singhalesischer Bevölkerungsmehrheit und tamilischer Minderheit. Viele Singhalesen sähen in allen Tamilen potenzielle Terroristen. Tamilische Flüchtlinge berichteten von massiven Menschenrechtsverletzungen der überwiegend aus Singhalesen bestehenden Regierungstruppen. Zwischen die Fronten geraten sind auch die Journalisten in Sri Lanka. Die Organisation Reporter ohne Grenzen berichtet, Medienvertreter müssten mit Schikanen, Entführungen und gewalttätigen Übergriffen durch Rebellen oder Regierungssoldaten rechnen. Der Journalist Lasantha Wickrematunge war am 8. Januar in der Hauptstadt Colombo auf offener Straße erschossen worden. Kurz zuvor hatte er in seiner Zeitung mitgeteilt, dass er mit seiner Ermordung rechne.
In der Rebellenbastion um Mullaitivu, dem letzten Rückzugsgebiet der LTTE, leben nach Schätzungen von Menschenrechtlern noch etwa 200 000 Zivilisten. Viele davon wünschten sich ein Ende der Gewalt, sagt Friedensforscher Perera. Sie unterstützten aber auch die Forderung der LTTE nach einem eigenen Tamilenstaat. Der einzige Ausweg sei daher eine “gerechte politische Lösung” für Sri Lanka, die auch die tamilische Minderheit einschließe. Nach den militärischen Erfolgen der letzten Wochen haben Regierung und Militär dafür derzeit jedoch kein offenes Ohr.
Aus “Welt online” vom 19.01.2009
Am 20. Januar 2009 um 20:17 Uhr
INfos von http://www.geoflueck.ch
Montag, 19. Januar 2009, 17.45 h Kurssprung der Börse nach oben + neue Tote im Moneragala Distrikt
Inneres: Die Armee berichtet von Kämpfen nordwestlich und südöstlich von Puthukkudiyiruppu, westlich und südöstlich des Udayarkattukulam Tank sowie an der Südostfront bei Mullaithivu. (SLA) Man habe 4 tote Rebellen geborgen. (SLA) Die LTTE meldet 35 tote Soldaten bei Nettauliyaathuppaalam im Mullaithivu Distrikt. (TN) Karuna rechnet damit, dass die LTTE 2′000 verletzte Kämpfer im Thevipuram Spital bei Puthukkudiyiruppu zurücklassen müsste, falls dieses Gebiet von der Armee erobert würde. (DM) Die Börse stieg heute in Erwartung eines Siegs der Armee um 5.5%. (reuters) Aber am Sonntag Abend starben im Moneragala Distrikt in Okkampittiya 3 Chena-Bauern, als sie von mutmasslichen Rebellen angegriffen worden waren. (SLA) Die Armee berichtet von einem Fund von 300 Kanistern zu je 225 Litern Dieselöl bei Tharamapuram und einem luxuriösen Führungsbunker. Sie bezichtigt NGO’s hinter dem Treibstofflager zu stehen. (SLA) Das gefundene Flugzeugwrack bei der kürzlich eroberten 6. LTTE-Flugpiste stammt nicht von der LTTE, sondern von der srilankischen Luftwaffe. (SLA)
Der höchste Gerichtshof hat private Busbetreiber mit dem Entzug der Routenlizenz bestraft, falls sie keine Tickets verkaufen und ihre Angestellten nicht uniformiert sind. (LP)
Äusseres: Grossbritannien hat mit einem Charterflug am 15. Januar der Rückschaffung von illegal eingereisten srilankischen Staatsangehörigen begonnen. Ein entsprechendes Abkommen war zuvor mit Sri Lanka beschlossen worden. (LBO) Die Oppositionsführerin im indischen Bundesstaat Tamil Nadu Jayalalitha meint, der Hungerstreik des VCK Parteiführers bringe den Zivilisten im Norden von Sri Lanka nichts. Zudem verurteilt sie die Veröffentlichung von Bildern von Rebellenchef Prabhakaran in Drucksachen der VCK. (il)
Wirtschaft: In Colombo stieg heute der Börsenindex um 5.5% fast 100 Punkte auf 1′740.41 Punkte. Als Begründung wird der Glaube an einen militärischen Sieg gegen die LTTE angegeben. (Reuters) Auf BBC steht eine Falschmeldung. (BBC: – 1.77%, geoflueck) In Bombay gewann der Sensex 0.06 % und schloss auf 9′329.57 Punkten , der Nikkei schloss um 0.32 % höher und die Börse in Hongkong schloss um 0.64% höher . (BBC)