“Es gibt keine sicheren Orte mehr”
Die Kämpfe zwischen der Armee Sri Lankas und den LTTE-Rebellen gefährden das Leben Tausender Zivilisten. Hunderte sollen bereits getötet worden seien. Die Konfliktparteien schieben sich gegenseitig die Schuld dafür zu.
Von Sabina Matthay, ARD-Hörfunkstudio Südasien
Die Sorge über die Lage der Zivilisten im Kampfgebiet ist auch Thema, wenn Indiens Außenminister Pranab Mukherjee heute in Colombo Gespräche mit der Regierung von Sri Lanka führt. Zuvor hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Konfliktparteien aufgefordert, dem Schutz der Bevölkerung absoluten Vorrang einzuräumen.
Zivilisten als Schutzschilde
Sri Lankas Armee rückt stetig in die letzten Gebiete im Nordosten der Insel vor, die noch unter Kontrolle der LTTE sind, den so genannten Befreiungstigern von Tamil Eelam. Die Rebellen zogen sich mit schweren Waffen in den Dschungel um die Stadt Mullaitivu zurück. Dort halten sich schätzungsweise 250.000 Zivilisten auf – möglicherweise nicht freiwillig. Menschenrechtsorganisationen und Hilfswerke werfen der LTTE vor, sie kämpfe aus der Bevölkerung heraus, benutze Zivilisten als Schutzschilde und zwinge diese, für die Rebellen zu Kämpfen.
Neil Buhne, Koordinator der UNO in Sri Lanka, schildert die Lage so: “Die LTTE mischt sich unter die Zivilisten, es gibt Kampfstellungen neben zivilen Einrichtungen. Und sie sind eingekreist von tausenden und abertausenden gut bewaffneten sri lankischen Soldaten.”
Hintergrund: Der vergessene Krieg in Sri Lanka Ein Konflikt zwischen Löwen und Tigern (07.12.08)
LTTE wirft Regierung Angriffe auf Wohngebiete vor
Die Regierung hat Sicherheitszonen einrichten lassen. Doch nach Berichten der Website Tamilnet, deren Betreiber der LTTE nahestehen, beschießen die Streitkräfte dicht besiedelte Gebiete ohne Rücksicht auf zivile Opfer. Der sri lankische Verteidigungsminister Gotabaya Rajapakse weist den Vorwurf entschieden zurück. “Seit Beginn dieser Operation war eines unserer Ziele, zivile Opfer zu vermeiden, sie so gering wie möglich zu halten”, sagt er. “So steht es auch in den Dienstanweisungen.”
Neil Buhne von der UNO bescheinigt dem sri lankischen Militär, es habe sich große Mühe gegeben, die Opfer unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich zu halten. Doch es gebe einfach keine sicheren Orte innerhalb der Kampfzone mehr. “Einerseits müssen die Befreiungstiger den Menschen das Verlassen des Gebiets ermöglichen, die es verlassen wollen”, sagt Buhne. “Andererseits muss das Militär alles unternehmen, um die Bevölkerung zu schonen. Sicherheitszonen müssen respektiert, Kämpfe rund um Krankenhäuser und Schülen müssen vermieden werden.”
Versorgung der Zivilisten nicht möglich
Die UNO konnte zuletzt in der vergangenen Woche Nahrungsmittel und Medikamente in das Konfliktgebiet schicken. Wegen der schweren Gefechte ist Nachschub derzeit nicht möglich. Den Flüchtlinge fehlt es den Vereinten Nationen zufolge an allem.
Das Ende der Kämpfe ist unterdessen noch nicht abzusehen. Im Dschungel rund um Mullaitivu befinden sich die wichtigsten militärischen Einrichtungen der LTTE. Nach Angaben der Regierung ist schwer abzuschätzen, wie viele Kämpfer und wie viel schweres Geschütz die Rebellen noch haben. Doch deutet vieles darauf hin, dass die Befreiungstiger der Armee nicht mehr lange Widerstand leisten können.
Sri Lankas Verteidigungsminister Gotabaya Rajapakse rief den LTTE-Chef deshalb jetzt auf, sich zu ergeben “Das wäre das beste, wenn nicht noch mehr seiner Kader sterben sollen”, so Rajapakse. Seit Auftakt der Regierungsoffensive gegen die Aufständischen im Jahr 2006 sind nach Angaben des Militärs über 12.000 LTTE-Kämpfer und mindestens 3500 Soldaten getötet worden.