“Alle Journalisten in diesem Land haben Angst”
von http://www.tagesschau.de/ausland/srilanka152.html
Sri Lanka schränkt Kriegsbeoachtung ein
“Alle Journalisten in diesem Land haben Angst”
Die Gefechte zwischen der Armee Sri Lankas und den LTTE-Rebellen fordern immer mehr Opfer – doch das soll keiner wissen: Die Regierung verbreitet ausschließlich Erfolgsmeldungen und verurteilt die Journalisten im Land zum Schweigen.
Von Sabina Matthay, ARD-Hörfunkstudio Neu Delhi
Am Flughafen Jaffna laden Soldaten der srilankischen Luftwaffe verwundete Kameraden in eine Antonov 32. Sie soll die Männer zur Behandlung in die Hauptstadt Colombo bringen. Sri Lankas Öffentlichkeit erfährt über die Toten und Verletzten der Streitkräfte im Krieg gegen die aufständischen “Befreiungstiger von Tamil Eelam” (LTTE) jedoch nichts.
“Das ist sicherlich auch ein Krieg, in dem überhaupt keine harten Informationen zur Verfügung stehen und standen”, sagt Jochen Schlütter. Er ist Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Sri Lanka. Die Organisation ist hier auch im Medienbereich aktiv. “Jegliche Meldungen über Zahlen, über Gefallene, über Flüchtlingslager, mit wie vielen Leuten die besetzt sind, sind alle nicht oder nur schwer durch Dritte verifizierbar.”
Erlaubt sind ausschließlich Erfolgsmeldungen
Die srilankische Regierung gestattet Reportern weder Zugang zum Kriegsgebiet noch zu den Flüchtlingslagern und sogenannten Sicherheitszonen für Zivilisten. Staatliche Richtlinien untersagen jegliche Berichterstattung, die die Kampfmoral der Streitkräfte beeinträchtigen könnte. Stattdessen veröffentlicht die Regierung ausschließlich Erfolgsmeldungen.
Die Verlautbarungen der Aufständischen, meist über den Internetdienst TamilNet, sind ebenfalls nicht nachprüfbar. Das hat Konsequenzen: “Wir rühren den Krieg nicht an, weder in positiver noch negativer Manier noch sonst wie”, sagt Lal Wickrematunge. Der Verleger des “Sunday Leader” ist ohnehin in heikler Lage: Sein Bruder Lasantha, Chefredakteur des “Sonntagsblatts”, wurde im Januar ermordet. Von wem, ist bisher ungeklärt.
Dass der entschiedene Regierungskritiker gefährdet war, war vielen seit langem klar. Seit Gründung des “Sunday Leader” sei sein Bruder immer wieder bedroht worden, erzählt Wickrematunge. Immer wieder hatte er der Regierung Korruption vorgeworfen und ihren harten Militärkurs kritisiert.
Journalisten werden bedroht, gefoltert, angegriffen
15 srilankische Journalisten sind seit dem seit Amtsantritt von Präsident Rajapakse 2006 ermordet worden. Dutzende wurden bedroht, gefoltert, angegriffen. Die Angst geht um, sagt der Menschenrechtsaktivist Jehan Perrera. “Journalisten üben jetzt Selbstzensur”, sagt er. “Sie halten sich zurück, sind sehr vorsichtig geworden mit Äußerungen und Berichten.”
Von Pressefreiheit könne in Sri Lanka kaum noch die Rede sein, sagt deshalb Gordon Weiss, Sprecher der UNO in Colombo. “In einem Land im Kriegszustand, wo die Emotionen hochschlagen, wo viel auf dem Spiel steht, gilt das, was normalerweise als gemäßigte Kritik an einer Regierung durchgehen würde, of als Hochverrat.”
Dutzende Journalisten haben Sri Lanka deshalb verlassen. Die die noch bleiben, leben in Angst, sagt der Verleger Wickrematunge: “Alle Journalisten in diesem Land fürchten sich. Alle.”
Am 4. Februar 2009 um 23:13 Uhr
Mittwoch, 3. Februar, 7.55 h, update 18.00 h Aussenminister von USA und GB fordern befristete Waffenruhe +
UNO: Streubomben gegen Zivilisten durch srilankische Luftwaffe + Grossdemonstration in Genf
Der srilankische Präsident Rajapkse sagt einen Sieg der Armee innerhalb der nächsten Tage voraus, damit würde in Sri Lanka die „wahre Freiheit“ herrschen, da der Terror besiegt worden sei, und feiert den 61. Unabhängigkeitstag heute, während im Nordosten wieder Dutzende von Zivilisten sterben werden. (CP, il, Reuters, geoflueck) Die UNO (Gordon Weiss) beschuldigt die srilankische Luftwaffe, gegen die von der srilankischen Regierung ausgerufenen Sicherheitszone und das Spital von Puthukkudiyiruppu Streubomben eingesetzt zu haben und dabei 52 Zivilisten getötet und 80 verletzt zu haben. (DRS 1) Das ICRC hat das Spital von Puthukkudiyiruppu als geschlossen erklärt, da die Sicherheit der Patienten durch die andauernden Angriffe nicht gewährleistet sei. (CP) Der starke Mann im Verteidigungsministerium, Gotabhaya Rajapakse hat auf die Vorwürfe geantwortet: Das Spital von Puthukkudiyiruppu liege nicht in der von der Regierung definierten „safe zone“. (TN) Erstmals seit langem gab es in den Distrikten Mannar und Vavuniya Gefechte von srilankischen Sicherheitskräften mit LTTE-Angehörigen. (SLA) Die Armee sagt, dass die LTTE nordwestlich von Mullaithivu noch 275 km² kontrolliere. (SLA)
Äusseres: Die Aussenminister von Grossbritannien (David Milibrand)und den USA (Hillary Clinton) fordern zu einer befristeten Waffenruhe in Sri Lanka auf, damit Zivilisten evakuiert und versorgt werden können. Auch wird der Zugang für Hilfskräfte zu den Zivilisten verlangt. (BBC, Radio DRS 1) Der USA-Präsident Obama hat dem srilankischen Präsidenten Rajapakse zum Unabhängigkeitstag eine Grussbotschaft geschickt, was von der TNA kritisiert wurde. (CP, TN) Das Schweizer Fernsehen berichtet gestern in 10 vor 10 ausführlich über Sri Lanka und die Befindlichkeit der Tamilen in der Schweiz und den Konflikt in Sri Lanka, heute auch das Radio DRS . In Genf hat eine Grossdemonstration mit Tausenden von Tamilen vor der UNO stattgefunden. (SF1, DRS 1) Zudem wurde über eine Initiative der Geberstaaten (Co-Chairs) berichtet, mit der EU, USA, Japan und weiteren Staaten – diese riefen die Rebellen der LTTE zur Kapitulation und zur Integration in den politischen Prozess auf. (SF 1, CP, BBC) Die TNA empfindet diese Aufforderung als Affront, nachdem die Geberstaaten lange mit der LTTE direkt verhandelt hatten. Nun würden sie einseitig Partei ergreifen. (CP, TN) In Norwegen gab es im Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten harte Kritik an der srilankischen Regierung. (TN) Laut Tamilnet sollen acht srilankische Luftwaffenangehörige in Tamil Nadu, Thaamparam bei Chennai, Indien ein Training begonnen haben. (TN)
Kommentar: Die Initiative der Co-Chairs ist blauäugig und zeigt von wenig Verständnis der Situation in Sri Lanka. Die srilankische Regierung hatte mehrmals klar gemacht, dass sie die Führungsriege der LTTE verhaften und aburteilen will. Unter diesen Voraussetzungen kann eine Kapitulation der LTTE nicht erwartet werden. Viel eher wird sie zum Guerillakampf und zu überraschenden Terror-Anschlägen zurückkehren. Da ist die Initiative der Aussenminister der USA und von Grossbritannien wesentlich realistischer. Einen Waffenstillstand fordern auch die Tamilen in Sri Lanka, in Tamil Nadu und in der Diaspora. Ich schlage nach wie vor eine kleine neutrale, demilitarisierte UN-Schutzzone für Zivilisten vor, die international überwacht und von einem kleinen UN-Kontingent geschützt würde..Das Problem ist, dass die srilankische Regierung ohne Rücksicht auf Verluste unter tamilischen Zivilisten einen Endsieg gegen die LTTE will. Da bringen Aufrufe wenig – was es braucht, ist eine klare Linie – Stopp dem Töten und Schutz von unschuldigen Zivilisten unter internationaler Überwachung -des UN-Sicherheitsrats.
Zumindest in der Schweiz, aber auch durch CNN und BBC, wird nun in den Medien über das Leiden der tamilischen Zivilbevölkerung im Nordosten von Sri Lanka ausführlich berichtet. Ich nehme meine Kritik vom Montag letzter Woche zurück und danke den Journalisten für diese Berichterstattung -denn Schweigen tötet. Es braucht ein internationales Machtwort zugunsten der Humanität.
Wirtschaft: In Colombo lag der Börsenindex am Dienstag auf 1′801.60 Punkten um 0.13% tiefer. (Reuters) Der Sensex in Bombay gewann am heutigen Mittwoch 0.57% und schloss auf 9′201.55 Punkten. Die Börse in Japan gewann heute 2.73% und in Hongkong gab es ein Plus von 2.25%. Der Dow Jones ist ebenfalls im Plus. (BBC)
Militärische Entwicklung: Heftige Kämpfe gehen weiter, Scharmützel in den Distrikten Mannar und Vavuniya
Kilinochchi/ Mullaithivu: Die Armee berichtet von 2 getöteten Rebellen bei Puthukkudiyiruppu, und für Montag von 12 weiteren getöteten bei Visvamadu. (SLA) Zudem sei die siebte und letzte Flugpiste der LTTE in Sundarapuram, nordöstlich von Piramantharakulam bei Puthukkudiyiruppu am Dienstag Morgen erobert worden. Die Piste sei 2 km lang gewesen. (SLA) Am Dienstag, 11.30 h, griff die srilankische Luftwaffe Radar- und Kommandoanlagen der LTTE 1,5 km nördlich der Mullaithivu-Lagune an. (SLA)
Mannar: Am Dienstag kam es in Pettakattupuram Aru zu einem Gefecht der Armee mit Rebellen. Dabei sei ein Rebell getötet worden. (SLA)
Vavuniya: An einem von der Armee nicht genannten Ort lieferte sich die Armee mit Rebellen ebenfalls am Dienstag ein weiteres Gefecht. Dabei sollen 2 Rebellen gefallen sein. (SLA)