Interview mit Professor Dr. S. J. Emmanuel
Professor Dr. S. J. Emmanuel:
Der ehemalige Generalvikar des Bistums Jaffna in Sri Lanka weiß, wovon er spricht: Als er vor acht Jahren Kritik an der Regierung seiner Heimat übte, fürchtete er Verfolgung und ging ins Exil. Im Bistum Münster, in Datteln, hat er eine zweite Heimat und eine neue Aufgabe gefunden. Dort betreut er jetzt die Tamilen, die ebenfalls aus Angst vor Verfolgung aus ihrer Heimat geflohen sind.Hier ein Interview mit ihm vom 24.2.09 aus:
Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich
Von der internationalen Gemeinschaft vergessen
Andauernder blutiger Konflikt in Sri Lanka
Interview mit Professor Dr. S. J. Emmanuel, Präsident der internationalen Föderation der Tamilen (International Federation of Tamils)
Zeit-Fragen: Professor Emmanuel, in den westlichen Medien hört man wenig bis gar nichts über die Situation in Sri Lanka. Sie haben als katholischer Priester bis heute engen Kontakt zu Ihrem Heimatland, wie ist die Situation in den tamilischen Gebieten?
Wir haben heute in Sri Lanka den schlimmsten Regierungschef, den man sich denken kann. Mit seinen drei Brüdern regiert er, und es herrscht singhalesisch-buddhistischer Extremismus. Die Regierung strebt keine politische, sondern eine militärische Lösung an, sie negiert den ethnischen Konflikt und will nur den «Terrorismus» bekämpfen.
Heute gibt es 350 000 Binnenflüchtlinge in der Region Vanni, und tagtäglich werden Zivilisten bombardiert und verschleppt. Am 25. Dezember haben die Regierungstruppen sogar eine Kirche bombardiert und dabei mehrere Gläubige getötet und verletzt. Die Situation für die Flüchtlinge ist katastrophal, sie haben keine humanitäre Hilfe, da
die singhalesische Regierung die internationalen Hilfsorganisationen ausgewiesen hat.
Sie wollen den Krieg ohne Zeugen führen. Dazu kommt eine seit mehreren Wochen anhaltende Regenperiode, der die vertriebenen Menschen unter den Bäumen schutzlos ausgeliefert sind. Die Verletzungen der getroffenen Zivilisten, und es sind in der Mehrheit Zivilisten, sind verheerend, da unter anderem Clusterbomben und thermobarische Bomben wie im LibanonKrieg eingesetzt werden.
Die Regierung hat angekündigt, bis Ende 2008 das «Tamilenproblem» gelöst zu haben. Was bedeutet das für die Zivilbevölkerung dort?
Tamilenproblem heisst für die Regierung, es sei ein Problem von «Terroristen». Sie wissen, dass der Konflikt eigentlich eine politische Lösung braucht, aber bis heute gab es keinen sinnvollen Vorschlag von der Regierung. Die Regierung behauptete, dass in der Ostprovinz eine parlamentarische Wahl stattgefunden habe und ein Ministerpräsident von dieser Region eingesetzt worden sei, aber die Wahrheit ist eine andere. Ein Bruder des Präsidenten regiert, und er kümmert sich nicht um die Bevölkerung dort. Täglich werden Tamilen getötet und entführt. Sie wollen jetzt eine
ähnliche Lösung im Norden anstreben, wenn sie die LTTE vernichtet haben. Die Lösung für die Tamilen heisst, zwei Vertreter der Regierung als Minister einzusetzen – einen im Norden und einen im Osten – und das ganze tamilische Volk unter die Kontrolle der singhalesischen Armee zu bringen. So bleiben wir weiter unter der Herrschaft des singhalesischen Imperiums, und das nach den 450 Jahren Kolonialismus!
Was bedeutet das?
Willkürliche Unterdrückung. Für mich, als einem Geistlichen, der viel über die Welt und die Kriege weiss, ist die Situation für die Tamilen schockierend. Es ist ein 60 Jahre alter ethnischer Konflikt. Von Anfang an versucht die Regierung, auf den gewaltlosen tamilischen Protest mit Staatsterror zu antworten. Als Reaktion darauf sind die Tamil Tigers entstanden, um das tamilische Volk und ihr Heimatland zu verteidigen. In der Folge erleben wir seit 30 Jahren Krieg mit mehr als 60 000 Opfern und über 1 Million Flüchtlingen in der ganzen Welt. Der Konflikt hat noch nicht die
Aufmerksamkeit der Welt erlangt. Ein langer Konflikt mit Krieg und Opfern auf einer fernen Insel ohne Bodenschätze ist fast ein vergessener Krieg geworden. Wir Tamilen sind zutiefst enttäuscht, nicht nur über die Entwicklungen in Sri Lanka in der letzten Zeit, sondern auch über die Haltung der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der Grossmächte mit ihrer Doppelmoral und ihrer interessenorientierten Politik.
Erstens haben die Engländer am Ende ihrer Kolonialzeit einen grossen Fehler, «British blunder», gemacht, als sie die Insel verliessen. Die Tamilen, die früher ein eigenes Königtum hatten, wurden nun zu einer Minderheit unter den Singhalesen. Die Engländer haben zwei Volksgruppen in einem Staat zusammengefasst und die Macht der Mehrheit
gegeben. Und heute verhält sich England, als hätte es nichts mit dem Konflikt zu tun und unterstützt die singhalesische Regierung in diesem Krieg.
Zweitens haben Grossmächte wie die USA und Indien ihre eigenen geopolitischen Interessen auf Sri Lanka mit seinen Häfen. Sie stehen an der Seite der Regierung und behandeln uns nur wie Terroristen. Drittens, Sri Lanka hat eine singhalesisch- buddhistische Mehrheitsdemokratie. Die Mehrheit kann durch eine parlamentarische Abstimmung die Tamilen diskriminieren und unterdrücken. Zusätzlich haben sie eine singhalesische Armee, um ihre Macht
durchzusetzen. Wir Tamilen haben die ersten 30 Jahre gekämpft, gehofft und gewaltlos Widerstand geleistet. Darauf wurde mit Staatsterror reagiert. Wir wissen, es gibt nur eine friedliche Lösung, aber gegen den Staatsterror, der keine Grenzen kennt, müssen wir uns verteidigen.
Wie sieht das tägliche Leben für das Volk im Moment aus?
Der grosse Teil von Nord- und Ost-Sri Lanka – dem Heimatland der Tamilen – ist unter der strengen Kontrolle der singhalesischen Armee – mit täglichem Ausgangsverbot, Hunderten von Checkpoints, täglichen Verschleppungen von Menschen, Ermordungen und ähnlichem. Im nordöstlichen Teil – der sogenannten Kilinochchi-Region – herrscht ein
brutaler Krieg mit Bombardierungen von Zivilisten und öffentlichen Gebäuden wie Krankenhäusern und Schulen. Die Menschen leben in grosser Angst, ohne Arbeit, ohne Nahrung. 40 000 Kinder können nicht zur Schule gehen. Alle internationalen Nichtregierungsorganisationen haben diese Region verlassen. Es gibt keine Ärzte, die Tamilen dürfen nicht studieren. Es bestehen zwar Spitäler, aber es gibt keine Medikamente und kein Verbandsmaterial. Seit mehr als 2 Jahren hat die Regierung in Colombo eine totale Wirtschaftblockade über die tamilischen Gebieten verhängt, und es ist ein Wunder, wenn Menschen das überleben. Selbst in diesem Jahr, 60 Jahre nach der Uno-Deklaration gegen Genozid, wird Sri Lanka als eines der acht gefährdeten Staaten aufgeführt. Die Menschen denken bei Genozid immer an das «Dritte Reich», aber hier wird ebenfalls ein Volk vernichtet, die Sprache, die Kultur, die Traditionen – unter dem Deckmantel der Demokratie.
Welche Lösung schlagen die Tamilen vor?
Tamilen wollten immer eine politische Lösung und haben während der 60 Jahre mehrmals Vorschläge eingebracht. Von Anfang an wollte man ein föderales System für ganz Sri Lanka. Das wurde jedoch von der Regierung kategorisch abgelehnt. Die tamilische Rebellen haben gegen den Staatsterror zu den Waffen gegriffen. Sie glaubten nie an eine Lösung durch Terror. Auch die internationale Gemeinschaft spricht ständig von «Tamilen-Terror» und «politischer Lösung», gibt aber weiter Waffen an die Regierung und unterstützt sie in ihrem militärischen Vorgehen. Auch vor kurzem haben sie die militärischen Vertreter von einigen Ländern in den Nordosten des Landes geschickt (unter anderem aus den USA, Pakistan, China, Bangladesch, Indien), um den militärischen Fortschritt zu demonstrieren, aber die 300 000 Flüchtlinge haben sie nicht gesehen.
Anfang Dezember gab es ein Seminar in Holland mit Europol über die LTTE? Wer war von den Tamilen an dieser Konferenz?
Es waren keine Vertreter der Tamilen eingeladen, sondern nur Vertreter der singhalesischen Regierung, die sich dafür stark machten, die tamilischen Organisationen in Europa zu verbieten und deren Aktivitäten einzuschränken.
Wie beurteilen Sie das?
Es ist absurd, dass man diejenigen, die für den Staatsterror und für 500 000 tamilische Flüchtlinge in Europa verantwortlich sind, zu einer Konferenz einlädt, um mit ihnen zu besprechen, wie man sich in Europa gegenüber den tamilischen Flüchtlingen verhalten soll.
Solche Anlässe führen dazu, dass die Verjagten weiter gejagt werden. Viele dieser Verjagten sind wie ich heute Staatsbürger des jeweiligen Landes und haben sich integriert. Was soll dieses Vorgehen? Es gebührt der Objektivität, dass man die Tamilen einlädt und sie zur Situation in ihrem Heimatland befragt.
Was können die Menschen der europäischen Staaten zu einer Entschärfung der Situation beitragen?
Die Tamilen sind sehr dankbar, dass sie hier herkommen konnten und in Sicherheit waren. Sri Lanka nimmt Einfluss auf die europäischen Regierungen, aber wir Tamilen werden nicht konsultiert, obwohl wir Bürger der Aufnahmeländer sind, planen sie anscheinend Aktionen gegen uns? Die Bürger der europäischen Staaten müssen von ihren Regierungen verlangen, dass sie sich für einen gerechten Frieden in Sri Lanka einsetzen und keine Unterstützung für
die militärische Lösung bieten.
Professor Emmanuel, vielen Dank für das Gespräch
Am 1. März 2009 um 01:04 Uhr
.http://www.swissinfo.ch/ger/news/newsticker/UNO_besorgt_ueber_Zivilisten_im_Norden_Sri_Lankas.html?siteSect=146&sid=10390052&cKey=1235789175000&ty=ti&positionT=1:
Februar 2009 – 08:41
Armee dringt in letzte von Tamilen gehaltene Stadt vor
Colombo/New York – Die Armee Sri Lankas ist nach eigenen Angaben in die letzte von den tamilischen Rebellen gehaltene Stadt vorgedrungen. Nach schweren Kämpfen seien die Soldaten nach Puthukkudiriruppu vorgedrungen, erklärte das Verteidigungsministerium in Colombo.
Die Truppen seien auf starken Widerstand der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) gestossen. Mindestens fünf Rebellen seien getötet worden. Ob es Opfer unter den Regierungssoldaten gab, teilte das Ministerium nicht mit. Die LTTE nahm zunächst nicht Stellung zu den Kämpfen.
In den vergangenen Monaten hat die Armee die LTTE in ein kleines Gebiet zurückgedrängt. Die UNO zeigte sich immer wieder besorgt über die Kämpfe, weil zehntausende Zivilisten in dem Kampfgebiet eingeschlossen sind.
Der UNO-Beauftragte für humanitäre Hilfe, John Holmes, hatte vor dem UNO-Sicherheitsrat in New York gesagt, es gebe deutliche Hinweise darauf, dass die LTTE die Zivilisten daran hindere, das Gebiet zu verlassen. Holmes forderte die srilankische Regierung erneut auf, von einer blutigen Entscheidungsschlacht abzusehen.
Für die Tausenden eingekesselten Zivilsten im Norden Sri Lankas wird die Lage immer schlimmer. “Hunger und Krankheiten und die Gefahr, zwischen die Fronten zu geraten, nehmen rapdide zu”, sagte Holmes in New York. Holmes hatte sich diese Woche vor Ort über die humanitäre Situation der Tamilen in Sri Lanka informiert.
Wegen des Vorstosses der sri lankischen Armee in das Rebellengebiet sind nach Einschätzung der UNO 70 000 bis 300 000 Zivilisten in Gefahr. Ihre Verfassung sei ungewiss, sagte Holmes.
Die Regierung hatte angekündigt, die LTTE bis April endgültig besiegen zu wollen. Die Rebellen kämpfen seit 37 Jahren für einen unabhängigen Staat für die hinduistischen Tamilen.