Einleitung
Eine Familie in Sri Lanka nach dem Tag X
Wir befinden uns mitten im beschaulichen Münsterland. Ende Oktober 2006, wird eine Flüchtlingsfamilie mit ihren drei Kinder nach Sri Lanka abgeschoben. Nichts aussergewöhnliches, denkt man. Passiert jeden Tag in Deutschland.
Und dennoch – in diesem Fall sind die Umstände nicht nur besonders hart, sondern zweifellos besonders brisant.
In diesem Fall wurde bedauerlicherweise vergessen, die notwendigen Papiere zur Registrierung in Sri Lanka auszuhändigen, so dass die fünfköpfige Familie ohne gültige Papiere – lediglich mit einem Visum und 100,- Euro „Startgeld“ – ausgewiesen wurde. Mit diesem Visum, dass nach Verlassen des Flughafens seine Gültigkeit verliert, ist die Familie nicht in der Lage sich registieren zu lassen und befindet sich nach Aussage der Schwestern vom „Orden vom Guten Hirten“ in akuter Gefahr. Verantwortlich für diesen „handwerklichen Fehler“ zeichnete sich der kürzlich neu gewählte Landrat Dr. Olaf Gericke.
Bei dieser Abschiebung wurde von verschiedenen Stellen und juristischen Instanzen weder berücksichtigt, dass alle drei Kinder in Warendorf geboren sind und hier zur Schule bzw. in den Kindergarten gehen und auch nicht, dass die Mutter als Folge von Misshandlungen in Sri Lanka psychisch und physisch krank ist.

In Sri Lanka herrschen derzeit bürgerkriegsähnliche Zustände. Alle Personen, die der tamilischen Minderheit angehören, sind auf Grund der politischen Lage, stark gefährdet und müssen um ihr Leben fürchten. Insbesondere Tamilien ohne gültige Papiere trauen sich kaum noch auf die Straßen, da es an der Tagesordnung ist, ganze Familie auszulöschen. Kinder und Frauen werden auch in dieser Krisenregion nicht verschont.
Die Familie Thadchanamoorthy erlebt zur Zeit ihre persönliche große menschliche Katastrophe. Sie wohnen in einem kleinen Zimmer in der Hauptstadt Colombo, in dem sich ausser einer verlausten Matratze nicht Nennenswertes befinden. Ihnen fehlen alle notwendigen Medikamente (z.B. für die Asthmaanfälle der jüngsten Tochter), die sie noch zuvor von Warendorfer Ärzten verschrieben bekommen haben. Auch ausreichender Impfschutz fehlt.
Und dennoch hat die Familie, im Gegensatz zu den meisten „Abschiebefällen“ Glück, denn eine junge Studentin aus dem Raum Warendorf hält sich zur Zeit im Rahmen ihres Studiums in Colombo auf. Sie hospitiert dort in einer Einrichtung des „Ordens vom Guten Hirten“ und hat gemeinsam mit den ansässigen Schwestern den Aufenthaltsort der Familie herausgefunden.
Anhand der Aufzeichnungen und Bilder von Nina Wiengarten ist es möglich, sich ein authentisches Bild von der lebensunwürdigen Situation der Familie zu machen. Was passiert wirklich nach dem Tag X? Wie geht es weiter und gibt überhaupt eine realistische Überlebenschance?
So lange, wie die politische Lage es in Sri Lanka zulässt, wird die Studentin Nina Wiengarten die Familie besuchen und unterstützen. Sie erstellt in regelmässigen Abständen Berichte und Fotos, die Sie hier in diesem „blog“ nachlesen können.