Literatur

Papa sagt
© von Sabine Mense

Papa sagt, wir haben bald kein Zuhause mehr. Wir müssen fort, sagt er und seine Augen glänzen dabei so komisch. Fort aus der Wohnung, der Straße, der Stadt und diesem Land. Wir müssen fort, sagt er und werden nicht viel mitnehmen können.

Das finde ich komisch. Als Tobi umgezogen ist, da kam gleich ein ganzer LKW und es wurde alles eingepackt: Tobi`s Spielzeug, sein Computer, ja das ganze Kinderzimmer verschwand darin. Ich darf nicht mal meinen Fußball mitnehmen. Nur Franz, meinen Teddy, sagt Papa.

Aber wir ziehen ja auch nicht nur um. Wir gehen weg. Ich habe Papa gefragt, wohin wir denn gehen. Er sagt nach Sri Lanka. Das ist weit, sage ich. Papa sagt, das ist das Land, aus dem wir kommen. Aber ich komme doch aus Deutschland, sage ich. Ja, sagt Papa. Du bist hier in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber ich bin in Sri Lanka geboren und Mama auch.

Werde ich in Sri Lanka auch wieder ein Zimmer für mich allein haben?
Nein, mein Sohn, wahrscheinlich nicht.
Kommen wir bald wieder hierher zurück?
Nein, mein Sohn, wahrscheinlich nicht.

“Sprechen die Kinder in Sri Lanka deutsch?“, frage ich. „Nein“, sagt Papa und lacht ein bisschen, obwohl er sehr traurig ist. Warum müssen wir denn dann dorthin? Ich kann nur Deutsch sprechen und du hast doch deine Arbeit hier?“, frage ich. Papa sagt, wir dürfen nicht hier bleiben. Ein Mann, der viele Gesetze kennt und sie unbedingt einhalten will, sagt, dass das nicht geht. Ich frage erst gar nicht, was Gesetze sind.

Papa sagt, dass er Angst hat nach Sri Lanka zu gehen. Dort ist in einigen Gegenden Krieg und wir seien dort nicht sicher. Ich nehme mir vor, meine Mama und meinen Papa in Sri Lanka zu beschützen. Aber lieber bleibe ich hier, wo kein Krieg ist.

„Papa, und wenn ich dem Mann ein Bild male? Ich male ihm ein Bild , mit allem, was ich hier so schön finde: meinem Zimmer, mit dem Spielplatz, mit meinen Freunden, meiner Schule. Ich male unsere ganze Familie und dann laden wir den Mann zu uns nach Hause zum Essen ein. Meinst du, dann schickt er uns immer noch weg?“

Papa sagt, wenn der Mann statt auf die Gesetze auf sein Herz hört, dann können wir vielleicht unser Zuhause behalten.
Ich setze mich hin und male. Viele bunte Herzen und riesengroße Ohren.

Anmerkung von Elisabeth Wiengarten:

Ich danke Sabine Mense für diese Geschichte. Wir sind zusammen in einer Schreibwerkstatt. Leider ist der kleine Apisan inzwischen nicht mehr in Deutschland. Herr Dr. Gericke hörte nicht auf die Bitte des Petitionsausschusses, mit der Abschiebung zu warten. Es wird viel diskutiert, was in seiner Macht gelegen hat und was nicht. Der Bitte des Petitionsausschusses hätte er nachkommen können. Ich bitte alle Menschen, die Herzen mit riesengroßen Ohren haben, dies wahrzunehmen und sich bewusst zu machen.

Denn im Kreis Warendorf gibt es viele Menschen mit Angst. Viele Mütter, Väter und kleine Kinder, die keine Nacht mehr ruhig schlafen…
Väter, Mütter und Kinder, die Angst haben, dass es ihnen so ergeht wie Kiddinan, Menaka, Apisan, Apirami und Apinaeja Thadchanamoorthy.

Wer noch Kurzgeschichten oder Gedichte zu dieser Thematik hat oder schreiben möchte, ist herzlich eingeladen, diese hier zu veröffentlichen.

Die „freiwillige“ Ausreiseerklärung
© von Dieter Lohmann

Ein Kugelschreiber, ein Formular,
ein drängender Berater.
Er weiß nichts und nichts ist ihm klar!
„Schreib nur!“ und das tat er.

Was er unterschrieb? Er konnt’ es nicht lesen.
Und was er verstand? Ein winziges Stück!
Wär’ es ein Kaufvertrag gewesen,
so könnte er vielleicht zurück.

Die Unterschrift zerstört sein Leben
und seine Familie! Wer fragt danach?
Ein Bleiberecht wird es nicht mehr geben!
Man sagt, das sei Recht! Vertrag ist Vertrag!