
Guten Tag,
ich bin Nina Wiengarten aus Beelen. Ich möchte euch jetzt eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte ohne Witz, ohne einnehmenden Charme, ohne ein glückliches Ende. Eine Geschichte über die Zerstörung.
17.10.2006: Die Beamten dringen in ihre Wohnung ein. Er hatte in den Morgenstunden eine Duldungsverlängerung für einige Tage erhalten. Vielleicht doch noch eine Chance, hatte er noch gedacht.
Die drei Kleinen verstört – wie sollen sie es auch verstehen, was passiert hier?
Ihre Angst bricht aus ihr heraus – Weinen, verzweifeltes Schreien. Die Beamten legen ihr Handschellen an – fest, schmerzhaft. Zum Kofferpacken keine Zeit. Abführung zum Haftprüfungstermin- sie ohne Schuhe.
Sie windet sich in ihren Ketten. Tagelang hat sie nicht geschlafen. Wieder könnte es soweit sein, wie damals, dachte sie.
Damals, als man sie auch in Fesseln legte. Klingen – tiefe Schnittwunden. Zigarettenstummel – gebrandmarkt.
Knüppel – Schläge auf den Hinterkopf. Folter. Man hat ihre Seele gebrochen, damals – und heute wieder, als sie ihre Familie aus ihrem Leben rissen.
14 Jahre in dem Land, das sie Heimat nennen. Ein Land mit Kinderzukunft. 14 Jahre Schutz und Hoffnung. 14 Jahre Zukunftsperspektiven. 14 Jahre Freundschaften. 14 Jahre ein Heim, Nahrung und Arbeit. 14 Jahre Leben – ohne Angst.
Und dann? Abschiebehaft. Aber nicht zusammen in einer Zelle. Keiner weiß, wo die anderen sind. 1 Woche Ungewissheit – über die Schicksale. Eine Woche Seelenqual.
Man hatte ihre Krankheit doch zuvor erkannt – ausgelöst durch die Qualen der Vergangenheit. Posttraumatische Belastungsstörung. Reiseunfähigkeit. Dann plötzlich: abgeschmettert – im Gutachten des Neuen. Kerngesund, auf dem Blatt von Dr. Liedtke, auf dem Blatt des Abschiebearztes, von der Ausländerbehörde bestellt- zur Vollstreckung – für die gute Abschiebequote. Solche Methoden sind doch Geschichte, oder?
25.10.2006: Das Flugzeug hebt ab. Deportation. Aus dem Sinn geflogen. Job erledigt. Zu den Akten – denken sie in ihren feinen Anzügen an ihren blanken Schreibtischen.
Das hier passierte nicht Tausende von Kilometern weit weg. Das hier hat mit uns zu tun, mit unserem Deutschland. Das hier hat mit unserer Asyl- und Flüchtlingspolitik zu tun, mit unserer Kreisverwaltung Warendorf. An der Spitze: Chef Dr. Olaf Gericke – Landrat.
Familie Thadchanamoorthy: Kiddinan, Menka, ihre Kinder Apisan (6), Apirami (4) und Abineaja (1 ½) wurden am 25.10.2006 ohne lebensnotwendige Papiere, ohne Impfschutz, ohne medizinische Versorgung, ohne Kleidung, mit 100 Euro nach Sri Lanka abgeschoben. Die Eltern lebten fast 14 Jahre in Warendorf.
Zum Hintergrund: Der Bürgerkrieg verzeichnet in den letzten Monaten das höchste Ausmaß an Gewalt seit den letzten 20 Jahre. Er wütet im Norden und Osten Sri Lankas seit 1982. 70.000 Tote.150.000 Menschen auf der Flucht. Menschenrechtsorganisationen fordern einen Abschiebestopp.
Entführungen, Folter, Zwangsrekrutierungen, willkürliche Verhaftungen, Leibesvisitationen und Hausdurchsuchungen durchlebt besonders die tamilische Bevölkerung. Familie Thadchanamoorthy ist tamilisch.
Ich habe diese fünf Menschen wieder getroffen. Ich war in Sri Lanka – das letzte halbe Jahr. Auslandssemester bei den Schwestern vom Guten Hirten, in einem katholischen Orden. Die Rechnung des Chefs ging nicht auf, kein Vergessen.
Vom 27.10.2006 bis 11.2.2007 habe ich versucht, gemeinsam mit Schwester Judith, mit Spendengeldern aus Deutschland Hilfe zu leisten. Schwester Judith macht weiter.
Hilfe, das ist Hoffnung. Hilfe, das ist Perspektive. Doch ich muss euch enttäuschen. Das Ende ist in Sicht: Leben in Abhängigkeit von Spendengeldern als einzige Lebensgrundlage? Leben ohne Ausweis? Dem Familienvater fehlt sein Ausweis. Deutsche Behörden haben ihn eingezogen, ihm nicht wieder gegeben. Wir haben eine Neubeantragung angestrebt. Die Behörden verweigern ihre Verantwortlichkeit. Tamile = LTTE. Für sie ist alles klar.
Leben auf Messers Schneide? Es ist Krieg. Polizeikontrollen, Hausdurchsuchungen, Vorladungen – all das haben sie mit Kiddinan Thadchanamoorthy durchgespielt. Bisher hat er diese Seelenfolter auf Grund einer Sache unbeschadet überstanden: Die Bürgschaft von Schwester Judith. Doch es bleibt eine Frage der Zeit.
Leben ohne Arbeit? Ohne Ausweis findet Kiddinan keine berufliche Anstellung. Er wird seine Familie niemals eigenständig ernähren können. Dieses Leben, ist kein Leben in Würde. Dieses Leben ist kein Leben in Freiheit. Dieses Leben ist dem Tod geweiht.
Wir sind heute zusammengekommen, um unsere Stimmen zu erheben.
Wir sind heute zusammengekommen, um Symbol zu sein für den Wunsch nach Veränderung.
Wir sind zusammengekommen, um uns auf die Seite unserer fremdländischen Brüder und Schwestern zu stellen.
Wir verteilen jetzt gleich Flyer von der Gruppe www.abgeschoben-waf.de. Einige Leute unterstützen die Familie bis heute, gemeinsam mit den Schwestern.
Ihr könnt aktiv helfen: Postet Beiträge auf der Seite. Richtet Euch mit Leserbriefen in sämtlichen Zeitungen gegen dieses Verbrechen. Verfasst Briefe an Dr. Olaf Gericke, mit der Bitte um Rückführung. Tragt diese Geschichte weiter an Freunde, in andere Gegenden. Hängt Plakate in Euch bekannten Einrichtungen, Geschäften, in euren Autofenstern auf.
Ich bitte Euch, lasst Familie Thadchanamoorthy in unseren Köpfen nicht sterben. Wir setzen alles daran, ihnen einen Weg zurück in ihre deutsche Heimat zu schaffen. Helft uns dabei. Danke schon jetzt für Eure Zeichen der Menschlichkeit.
© Nina Wiengarten, März 2007